Flug in den Abend. © Walter Ludin
Flug in den Abend. © Walter Ludin

Wir fliegen zu viel

09.07.2018 – ein Blogbeitrag von Walter Ludin

Wir – die meisten von uns – fliegen zu oft. Und verbrauchen dabei eine Unmenge von Energie. Dazu steht in einem Brief, den ich kürzlich von der Schweizerischen Energiestiftung/SES bekommen habe: «Für eine Reise von der Schweiz ins europäische Ausland über eine Strecke von 1000 Kilometern braucht eine Person mit dem Flugzeug fast fünfmal so viel Energie wie wenn die Strecke bei vergleichbarer Auslastung mit dem Hochgeschwindigkeitszug zurückgelegt würde.»

Der Grund für die Vielfliegerei: Flüge sind schlicht und einfach viel zu billig; wenn zum Beispiel ein Flug nach Mallorca 40 Euro und einer nach London 50 Euro kostet.

Ich kenne viele – sagen wir mal – ethisch hochstehende Personen, die allein auf die Preise und nicht auf die Umweltbelastung schauen. Sie vergessen, dass fliegen die klimaschädlichste Art des Reisens ist. In der Schweiz verantwortet der Flugverkehr rund 18 Prozent des CO2-Ausstosses.

Schon vor Jahrzehnten haben Umweltorganisationen vorgeschlagen, bei Distanzen bis 800 (oder 1000) Kilometer den Zug zu nehmen statt zu fliegen. Wenn man das umständliche Prozedere beim Einsteigen auf dem Flughafen und das lange Warten aufs Gepäck berücksichtigt, gewinnt man beim Fliegen kaum Zeit.

Ich habe dies kürzlich erfahren: Als ich gefragt wurde, welchen Flug man mir für die Reise nach Rom buchen sollte, sagte ich: «Keinen Flug! Einen Zug!» Und mit diesem ging es dann (mit dem Hochgeschwindigkeitszug ab Mailand!) recht schnell. Bei der Hinfahrt gut sieben Stunden, bei der Rückfahrt gut sechs Stunden. (Es ist noch nicht lange her, da dauerte die Reise offiziell 12, faktisch aber 13 Stunden …)

Um eine Änderung des Reiseverhaltens herbeizuführen, haben zahlreiche Organisationen in einem Brief an Doris Leuthard Massnahmen gefordert, die nicht weiterhin den Flugverkehr gegenüber der Bahn bevorzugen. (Mehr)

Um Kritik zuvorzukommen, gestehe ich, dass auch ich oft fliege. Aber wie sonst hätte ich in meinen Reportage-Reisen nach Tansania oder Peru gelangen können? Da sind allerdings auch meine Reisen nach Kreta. Ich würde sie mir nicht so oft erlauben, wenn es bloss touristische Unternehmungen wären und nicht auch seelsorgliche Einsätze für die Touristen (»internationale Gottesdienste»). Und auf dem Land- und Wasserweg nach Kreta bräuchte ich je fast eine halbe Woche.

Hingegen ist es für mich immer selbstverständlich gewesen, dass ich beispielsweise nach Rom, Berlin und Wien den Zug nehme. Auch nach London bin ich mal mit dem Zug und der Fähre gereist. Es wird mir nie langweilig. Denn ich nehme immer Bücher oder eine grosse Beige von Zeitschriften mit und war schon oft enttäuscht, wenn ich ankam und nicht mehr weiterlesen konnte ….

 

 

Kommentare

  • karl stadler says:

    Unsereiner kommt ohnehin oftmals nicht mehr nach. Und zwar keineswegs etwa, weil ich mich zu den ethisch hochstehenden Menschen zählen würde. Nein, das ganz und gar nicht! Aber hie und da beschleichen einen wirklich Zweifel, ob der Begriff “gesunder Menschenverstand” auf die eigenen Ansichten noch wenigstens ansatzmässig zutrifft. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich beruflich in Genf zu tun. Da bezahlte ich für den Zug retour, 2. Klasse, mit dem Halbtaxabo bald einmal mehr als wenn man sich auf Maillorca ein Wochenende leisten und dafür einen Flug buchen würde. Für mich schlicht nicht nachvollziehbar, selbst wenn es offenbar ökonomische Gründe dafür gibt, die solche Angebote betriebswirtschaftlich als vertretbar erscheinen lassen.
    Wer sich die Knallerei und Ballerei am 1. August und in den letzten Jahren auch an Silvester vor Augen hält, weiss, welche gewaltigen Rauchschwaden da erzeugt werden und mit wieviel Feinstaub die Luft kontaminiert wird. Und alles bloss, weil wir Erdenbewohner einmal mehr die Sonne umrundet haben – als ob jemand auf diesem Globus etwas dazu beigetragen hätte – oder weil in einer mythologischen Überlieferung erzählt wird, es hätten sich ein paar Alteingesessene auf dem Rütli zu einem Schwur zusammengefunden. Nichts gegen Mythen. Ich liebe sie sehr, solange sie uns nicht vergessen lassen, dass die wichtigsten anthropologischen Gegebenheiten in den meisten Mythen, kulturunabbhängig, auf sehr ähnliche Art zum Ausdruck gelangen.
    Selbt wenn man keineswegs sich politisch als “linksgrün” fühlt, so stösst es anderseits gewaltig auf, wenn ein Amt für Umwelt die fast traditionellen Mahn- und Höhenfeuer von Umweltverbänden verbietet, die damit jeweils für irgendein ökologisches Anliegen demonstrieren. Das ist hierzuzlande auch schon einmal geschehen. Wegen dem bisschen Feinstaub und CO2, die durch solche Bekundungen im Vergleich zu den oben erwähnten gängigen Ritualen erzeugt worden wären, bekämen wir weder Lungenkrebs noch wäre die Welt sonstwie untergegangen.
    Gewiss haben Sie recht, heutzutage wird viel zu viel herumgejettet. Und dies unter allen möglichen Titeln. Von beruflichen Pflichten über Erholungswochenenden bis hin zu Kulturreisen usw. Persönlich buchte ich vor ca. dreissig Jahren einmal einen Flug. Da hatte ich zwei wirklich sehr wichtige berufliche Termine wahrzunehmen, die allerdings nichts miteinander zu tun hatten, aber zeitlich derart nahe und örtlich weit voneinander entfernt lagen und sich um alles in der Welt nicht verschieben liessen, weil die Behörden im In- und Ausland einfach nicht wollten. Diese wollten um jeden Preis die Angelegenheiten dringend weiter führen. Da wäre jedes andere Verkehrsmittel untauglich gewesen. Aber sonst hat sich die Bahn immer, beruflich wie privat, als verlässlicher Verkehrsträger erwiesen, und zwar im In- wie im Ausland.
    Wir alle pflegen nun einmal zerrissene Lebensformen, haben uns im wahrsten Sinne des Wortes in viele “Sachzwänge” hineinmanöveriert, Sachzwänge, die sich oftmals nicht so leicht und vor allem in kürzester Zeit rückgängig machen lassen, wie manche uns oft glauben machen wollen. Denn viele Menschen leben eben gerade von den Gewohnheiten und den Überflüssigkeiten, die sich andere leisten. Oder wir vergeuden Ressourcen, ohne dass wir uns dies bewusst sind, obwohl wir es eigentlich sein müssten. Alle älteren Jahrgänge vermögen sich doch bestens zu erinnern, wie ihre Eltern gewirtschaftet haben. Da gab es schlicht keine Entsorgung von überfllüssigen Lebensmitteln, keine energieintensiven Ferien, keine Kreisläufe von Kunststoffnanopartikeln, die sich in der Nahrungskette wieder finden usw. Trotzdem glaube ich nicht, dass unsere Elterngeneration besser, oder vernünftiger war, als wir. Sie lebte einfach unter andern Bedingungen, in einem andern technischen und sozialen Umfeld.
    Und ich bin auch überzeugt, dass die älteren Jahrgänge unter uns nicht vernünftiger sind als die Jungen, die sich für ein verlängertes Wochenende eine Auszeit nehmen, einen billigen Flug nach Maillorca buchen und sich allenfalls die Birne dort volllaufen lassen. Persönlich habe ich zwar nichts für derartige Eskapaden übrig. Sie leben jedoch in einem andern Umfeld, einer andern Lebensphase und wurden teils auf andere Weise sozialisiert.
    Die Gesellschaft “vernünftig” so zu organisieren, dass es keine übermässigen Verlierer gibt, das Ökosystem einigermassen im Gleichgewicht bleibt, Kulturen Bestand haben, ohne sich gegenseitig zu verdrängen oder gar zu vernichten, wem und wann gelingt das jemals? Ist das letztlich eine Frage der Ethik oder nur der Sozialtechnologie? Ich wüsste keine sichere Antwort.

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Walter Ludin

Walter Ludin, Kapuziner in Luzern. Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite und des franziskanischen Jahrbuchs „Franziskuskalender“. Freier Journalist. Kirchenblogger seit 2005. Themen: Kommentare und Glossen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Predigtauszüge. Aphorismen. Buchbesprechungen.

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