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Weitergedacht

06.02.2019 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Auf Basis der hier auf kath.ch in den vergangenen Wochen dokumentierten Texte und Referate von Wunibald Müller (Kernthese: «dass sich viele Verantwortliche in der Kirche, vornehmlich die Bischöfe, in der Vergangenheit als nicht fähig erwiesen haben, die Kirche gemäss dem Evangelium zu leiten und vor Schaden zu bewahren») und Stefan Loppacher (Kernthese: «wenn Sie mich heute fragen, was sich in der Kirche ändern muss, dann kann ich nur sagen: fast alles») ist zu fragen, wer bzw. was die Verantwortung für die grosse Krise trägt, die das Bekanntwerden von so vielen Missbrauchsfällen weltweit geschaffen hat.

Vorbemerkung 1: Wir haben in der Theologie bis heute immer unterschieden, dass die Kirche als Ganze zugleich heilige wie sündige Kirche ist. Heilig insofern, als dass Gottes Kraft und Geist in ihr wirkt, sündig insofern, als dass diese nur durch Menschen in ihrer Beschränktheit und Fehlerhaftigkeit konkret werden kann. Soweit war und ist immer klar, dass sich das «unam sanctam» nur auf einen Aspekt, was Kirche ist und tut, bezieht.

Vorbemerkung 2: Schon im Studienjahr 1977/78 an der Ludwig-Max in München erfuhren wir im nur dort existierenden Bereich «Bayerische Kirchengeschichte», dass die bayrischen Diözesen schon im 19.Jahrhundert einen Fonds zur Unterstützung von Priesterkindern und ihren Müttern eingerichtet hatten, ein Fonds, der aber nur zahlte, wenn die Väter anonym blieben… Der hier Schreibende, zur Vertraulichkeit in seinen vielen früheren Funktionen verpflichtet, kann nur bestätigen, dass auch in der Schweiz rechte Geldsummen flossen, wenn ein Betroffener sich dafür nicht outete.

Es folgern unerfreuliche Erkenntnisse:

a) Die Krise ist nicht nur eine ad personam (also durch das Fehlverhalten einzelner entstanden), sondern eine ad institutionem, durch den Aufbau der Institution und die in ihr eingespielten Mechanismen, entstandene.

b) Die Krise wird nicht vorüber sein, wenn man allein möglichst viele als fehlerhaft, bzw. schuldig gewordene, erkannte Individuen entfernt, suspendiert und massregelt, sondern nur, wenn man auch institutionelle Fehlerhaftigkeit und Schuld beseitigt. Das ist auch Gemeinsamkeit der Thesen von Müller und Loppacher.

c) Und – obwohl das nun viele nicht gern hören – diese neue und sich selber besser bewusst gewordene Kirche im Erkennen ihrer institutionellen Sündhaftigkeit ist nicht zu leisten und zu schaffen, wenn die Macht und das Sagen weiterhin bei einer kleinen Kaste von älteren zölibatären heterosexuellen Männern bleibt. Die Mechanismen zum Selbstschutz sind dann viel zu gross.

 

Kommentare

  • Karl Stadler says:

    Institutionelle Schuld oder Sündhaftigkeit? Solche Begriffe sind nach meiner Meinung zu verstehen und sollten nicht verwendet werden, zumindest im Bereich der Ethik nicht! Es gibt kaum eine institutionelle Schuld oder Sündhaftigkeit im moralischen Sinn. Anders verhält es sich im Bereich des Rechts, wo beispielsweise in der schweizerischen Rechtsordnung, z.B. einem Unternehmen, dem iuristische Persönlichkeit zuerkannt wird, unter bestimmten Voraussetzungen strafrechtliche Verantwortung zugeordnet werden kann, so etwa bei der Tatbestandserfüllung von Art. 102 StGB. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um ein iuristisches Gedankenkonstrukt, das in dieser Form auf die Bereiche von Moral und Ethik nicht übertragen werden kann.
    Wer von institutioneller Schuld ausgeht, ist gehalten, auch den Begriff der Persönlichkeit und deren Verantwortung, der in der Regel in den Bereich von Ethik und Moral eingeführt wird, zu überdenken. Philosophisch jedenfalls wäre eine “institutionelle Schuld” nur schwer zu begründen.
    Ich pflichte Ihnen jedoch vollumfänglich bei, dass es in einer Institution, z.B. in der Kirche oder im Staat, strukturelle und konstitutionelle Ordnungen geben kann, welche sich auf ethisches und moralisches Fehlverhalten von involvierten Personen fördernd auswirken können.
    Sie reden von Priesterkindern und deren Vätern, und rechten Geldbeträgen, die flossen, sofern sich die Väter nicht outeten. Aus welchen Kassen flossen dann solche Gelder? Aus solchen, die aus Kirchensteuern alimentiert wurden?
    Jedenfalls hätte bereits vor der ZGB-Revision in den siebziger Jahren eine Mutter rechtlich die Möglichkeit gehabt, eine Vaterschaftsklage einzureichen, sofern der Vater die Anerkennung verweigerte oder die Mutter unter Wahrung der Anonymität mit einem Geldbetrag abzuspeisen suchte.
    In der Regel war es bereits damals bei ausserehelichen Geburten so, dass der Vater das Kinde formell bei den Behörden anerkannte, sodass ein aussereheliches KIndeschaftsverhältnis begründet werden konnte. In der Folge wurde jeweils ein Unterhaltsvertrag abgeschlossen wurde. Es handelte sich um sogenannte “Zahlvaterschaften”, wo der Vater eigentlich nur zu zahlen hatte, weitere Rechte ihm jedoch nach damaliger Rechtslage nicht zukamen. Nach der Revision stand ihm in der Regel zumindest das Recht zu, in einem gewissen Rahmen auch Kontakt zum Kind pflegen zu können.
    Und Druckversuche auf die Mutter, dass sie auf eine Vaterschaftsklage verzichtete oder den Vater nicht bekanntgab, hätten mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit den Tatbestand der Nötigung auch damals erfüllt. Überdies gehört es zu den Grundrechten eines Menschen, nach Möglichkeit zu erfahren, wer seine leiblichen Eltern sind.

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Heinz Angehrn
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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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