Was uns trotz allem eint

05.12.2018 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Erneut ein innenpolitscher Kommentar, Aber die Woche bietet die Gelegenheit mit der Doppelwahl von heute Mittwoch und dem Bundesratsbeschluss vom Freitag zum Rahmenabkommen förmlich an. Lassen Sie mich aber literaturgeschichtlich beginnen und die Auslegordnung einmal so vornehmen:

In seinem «Schweizerspiegel» zeigt Meinrad Inglin die Schweiz während des ersten Weltkriegs als eine zerrissene Gesellschaft, zerrissen zwischen Deutschschweizern und Romands, zerrissen zwischen Grossbürgertum, Bauern und Arbeiterschaft. An einer einzigen Familie mit ihren regionalen Verästelungen macht er dies deutlich und lässt so abseits von den damaligen Protagonisten wie General Wille und Robert Grimm die Haltungen Fleisch und Blut werden. Der Generalstreik, die Abspaltung der BGB (eines Flügels der heutigen SVP) und die Frage der Emanzipation der Frau werden so nicht theoretisch, sondern in concreto aufgearbeitet. Doch das Hauptthema ist die Zerrissenheit des Landes, nach Meinung des jungen Lehrers und Offiziers (im zweiten Weltkrieg) Inglin die grösstmögliche Bedrohung für unsere «Willensnation».

Arthur (Turi) Honegger blickt Jahrzehnte später auf die Zeit des zweiten Weltkriegs, die ihm persönlich mit einem ständigen Wechsel zwischen Heimen und Anstalten Kindheit und Jugend vermieste, in seinen «Fertigmachern» ganz anders und versöhnlich auf die geistige Grundhaltung einer nun zu über 90% einigen und solidarischen Schweizer Gesellschaft. Die Gefahr des Totalitarismus wurde in allen Schichten erkannt, die Landesausstellung wurde zum Fest-gewordenen Symbol dieser Einstellung. Bei Honegger sympathisieren nur noch komisch-gefährliche Aussenseiter mit Nazi-Deutschland. Des Lehrers und Offiziers Inglin Bemühungen hatten also Früchte gebracht. Eigenartigerweise tritt ein solcher Lehrer mit Namen Sollberger bei Honegger sogar auf, und er ist auch der, der die Fähigkeiten des geschundenen Protagonisten erkennt.

Nun zur Geographie: Unser Land liegt im Herzen des Kontinents, konnte und kann nie in splendid isolation (wie etwa Neuseeland, die Glücklichen!) sein  Zusammenleben gestalten. Vom Westfälischen Frieden über die Kriegszüge Napoleon bis zur heutigen EU zieht sich eine lange Linie mit dem immer gleichen Thema: Wie viel Anpassung ist aus rationalen Gründen erforderlich, wie viel maximale nationale Souveränität ist möglich, und wie erreichen wir dies? Das zentralistische Monster EU, das süffisant-verächtliche Verhalten des Süffels an der Spitze der Kommission, die demokratieverachtenen Kommentare vom grossen Bruder im Norden (dabei sind doch zumindest die Nicht-Preussen nur neidisch auf uns!), sie alle mahnen, dass eine zerrissene und gespaltene Gesellschaft dieser Herausforderung nicht gewachsen sein wird.

Herr Blocher hat vorletzten Montag in «Schawinski» erstmals eingeräumt, dass es ja sein könnte, dass es die SVP (er meinte nicht die, sondern diese SVP, also die lärmig-proletende, mit der wir nun seit 25 Jahren leben müssen und die unsere Politkultur vergiftet) nicht mehr brauchen werde, wenn eine klare Mehrheit in der Politik gegen die EU und ihre Zumutungen Widerstand leistet. Herr Rechsteiners Votum in der Ständeratsdebatte zur Kohäsions-Milliarde vom letzten Mittwoch lässt hoffen, dass wir auf solchem Wege sind. Also (das lehren die alten Schriftsteller): Rauft Euch zusammen, leistet gemeinsam Widerstand, kämpft zusammen für maximale direkte Demokratie. Und lasst darum die Finger von dreierlei: Profilierungsversuche auf dem Buckel von (religiösen) Minderheiten, billige Kompromisse um blosser wirtschaftlicher Vorteile willen, das Verächtlich-Machen des Bürgerwillens (der Kanton Tessin hat die Hornkuh-Initiative angenommen). Und, liebe Politikerinnen und Neu-Bundesrätinnen: Lasst Euch nie mehr von Brüsseler Bürokraten abküssen!

 

Kommentare

  • Karl Stadler says:

    Nationale Einheit zum zweiten:
    Die “gilets jaunes” , zum Teil eine zusammengewürfelte Menge von verschiedenen Partikularinteressen und Betroffenheiten in der schwierigen Lebensgestaltung, die nun ihre Stimme erheben gegen eine Politik, ohne dass ihre Lebenssituationen ernsthaft in manchen Entscheiden miteinbezogen wurden. Man staunt immer wieder, wie selbstsicher auch in Frankreich manche Kreise die Grösse und Einheit der Grande Nation beschwören, ohne sich wirklich Rechenschaft abzulegen, was denn letztlich diese Grösse ausmacht.
    Und es ist interessant mitzuerleben, wie Macron Trump im Namen des globalen Fortschritts verbal geohrfeigt hat, weil dieser den Rostgürtel und andere bedrängte Branchen mit nationalen Wirtschaftsmassnahmen vor einem allzu rasanten Abstieg zu schützen sucht und wie er jetzt selber geohrfeigt wird. Jedenfalls reichen da Erklärungsversuche wie angebliche “populistische Verschwörungen” nicht aus.

  • Karl Stadler says:

    Gerade ist Frau Viola Amherd im ersten Wahlgang mit einem Glanzresultat gewählt worden. Herzliche Gratulation! Als Urner war ich selbstverständlich Fan von Frau Heidi Z’graggen. Es handelte sich bei beiden Kandidaturen um sehr valable Personen, fachlich wie persönlich. Aber Frau Amherd politisiert “ännet” der Furka, Frau Z’graggen “isch iisärtä eini” (eine von uns), ein Kriterium, das selbstverständlich nicht allein ausschlaggebend sein darf, dem jedoch im Zeitalter der Globalisierung und der einerseits tendenziell zunehmenden kulturellen Einebnung und anderseits der fortschreitenden digitalen Aufsplitterung der Gesellschaft auch ein wenig Beachtung geschenkt werden darf. Und ebenfalls wurde ja Frau Keller-Sutter mit einem Glanzresultat gewählt, Frau Keller-Sutter, die bekanntlich ihre ersten Basislehrgänge in der Disziplin Politik an Stammtischen absolviert hat.
    Natürlich haben Sie recht. Letztich sind wir trotzdem “eins”, trotz aller kultureller, weltanschaulicher und nicht zuletzt Interessenunterschiede! Ein Grundkonsens schliesst eine gewisse Zerrissenheit ja nie aus. Und dass die Meinungen betreffend die internationale Integration – ökonomischer wie gesellschaftspolitischer Art – und das Aussmass an zu bewahrender Souveränität weit auseinandertriften, ist im Grunde in einer Demokratie doch nicht erstaunlich.
    Gerade heute war in einer Zeitung ein Bild zu sehen, wie ein Vertreter der Bewegung der “gilet jaune” in Paris im Gaspetardennebel mit der Tricolore über die champs elysées schreitet, ganz genau wie auf dem Gemälde “Die Freiheit führt das Volk” von Delacroix, anlässlich des Sturms auf die Tuilerien. Frankreich, ein historisch eher zentralistisch geführtes Land, das in gewissen Fragen nicht weniger Zerrissenheit aufweist als die CH und das derzeit von einem Präsidenten geführt wird, der auf dem internationalen Parkett eine politisch stärkere Integration innerhalb der EU fordert. Oder schauen wir doch auf Grossbritannien, auf Deutschland, auf die USA, auf Schweden, neuerdings auch auf Italien etc., alles demokratische Nationen, die sich mit zum Teil neuen, globalen Herausforderungen konfrontiert sehen und eine relativ starke politische und gesellschaftliche Zerrissenheit aufweisen. Ist es da verwunderlich, dass auch in der CH dann und wann “gepoltert” wird? Übrigens auch in der CH in keinster Weise ein neues Phänomen, wenn man sich um fünfzig Jahre, wo gewisse politische Strömungen die CH zu einem quasi faschistischen Gebilde erklärten und Gestalten wie Lenin, Trotzki, Stalin oder Mao zum Teil schön redeten. Ist deswegen jegliches Gepolter a priori einer Vergiftung des politischen Klimas gleichzusetzen? Findet sich die “Wahrheit” lediglich auf der Seite derjenigen, die tagaus tagein nicht müde werden, die Grundwerte der Solidartität, der Toleranz und Harmonie zu beschwören und jegliche Abweichung mit dem Verdacht der Diskriminierung, der Entwertung anders Denkender und der Spaltpilze versehen? Wer unvoreingenommen ist, wer sich die Mühe nimmt, gestützt auf eine breit gefächerte Medienauswahl Stimmen und Analysen zur Kenntnis zu nehmen, gerade zu umstrittenen nationalen und globalen Themen, sieht bald, dass auch bei unverdächtigen “Experten” oftmals über weite Strecken keine Einigkeit zu finden ist, ausser vielleicht bei klimawissenschaftlichen Fragen.
    Wenn man einmal von den sehr wichtigen Allgemeinplätzen der ethischen und politischen Ideale absieht – dort sind ja alle anzutreffen, von den Stammtischlern, Kulturschaffenden, Politikern, Kirchenvertretern, einfach alle – dann scheint es je länger je schwieriger für die Menschen, sich eine seriöse und relativ verlässliche Meinung zu bilden. Und sehr vieles deutet daraufhin, das diese Schwierigkeit sämtliche Gesellschaftsschichten, keineswegs nur die Stammtische, betrifft.

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Heinz Angehrn
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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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