«Beach rats» – noch immer ist es schwierig

09.01.2019 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

kath.ch hat uns vor wenigen Wochen auf Eliza Hittmans zweiten Spielfilm «Beach rats» (»Strandratten», 2017 in Locarno für den Hauptpreis nominiert) aufmerksam gemacht. Es ist schon einmal beachtlich, dass eine junge Regisseurin mit dem nach wie vor heiklen Thema, wie ein junger Mann vor seiner Familie und seinen Kumpels zu seiner Homosexualität stehen kann, wie dabei Akzeptanz und Zustimmung gewonnen werden können, so sensibel und äusserst achtsam umgeht. Von François Ozon und Gus van Sant (»My private Idaho») wären wir diesen Tonfall schon gewohnt, aber sie verfügten ja über genügend Lebenserfahrung. Miss Hittman überrascht mich, unter anderem auch, weil sie weder eine billige Love-Story noch ein tränenreiches Happy-End liefert, sondern brutal ehrlich berichtet, dass es auch noch 2018 eine rechte Portion Glück braucht, damit ein so harter Start ins Erwachsenenleben gelingt. Dies alles übrigens in einer ästhetisch sehr ansprechenden Weise ohne unnötige Showeffekte; das Symbol des allwöchentlichen Feuerwerks auf Coney Island, das so gar nichts mit innerem Feuer, sprich mit erfülltem Leben und erfüllter Liebe zu tun hat, steht am Ende des Films, ein Ende mit lauter offenen Fragen. Wir bleiben traurig und betroffen zurück.

So gesehen ist «Beach rats» die konsequente Antwort auf die Teenie-Komödie «Love, Simon», in der dieses Thema durch eine eigenartig rosarot verklärt Bille erzählt wird, und wo alle, Familie und beste Freunde/innen, unglaublich tolerant sind. Wer glaubt, dies sei der Normalfall, hat sich in der brutalen Jetzt-Welt verirrt, er besuche doch einmal eine durchschnittliche Schweizer Oberstufen-Klasse! Seit Jahren habe ich auch auf die einsamen und ungeklärt gebliebenen Suizide von jungen Männern in der Deutschschweizer Oberschicht-Agglomeration aufmerksam gemacht.

Frankie heisst bei Hittman der Protagonist und Direktbetroffene. Er ist ein Sprachloser mit eher schlechtem Start ins Erwachsenenleben (was übrigens in übertriebenem Kontrast zu seinem Edelkörper steht): weisse soziale Unterschicht, der abwesende Vater, in dem Fall ein an Krebs Sterbender, kein Job, Drogenkonsum jeder Art, Mitgliedschaft in einer kleinkriminellen Clique, kurzum gähnende Perspektivelosigkeit. Nur dass er schwul ist und schwule Sexualität leben will, ist ihm mehr als klar. Doch als Sprachloser verrennt er sich in jeder Hinsicht, beklaut die Familie, macht einem Mädchen Illusionen, verweigert sich der Mutter, die sein Leiden irgendwie spürt, lässt sich auf trostlos-schmuddelige ältere Sexualpartner ein. Das Kartenhaus bricht zusammen, wie er den ersten gleichaltrigen Partner seinen Kumpels nicht als solchen, sondern als günstiges Opfer zum Ausrauben präsentiert. Ob Frankie eine Chance hat, Suizid begeht, voll in die Drogen abstürzt; Miss Hittman (die auch das Drehbuch geschrieben hat) lässt alles offen. Sehenswert!

Was auch zu lernen ist: Ob das Coming-Out eines Jugendlichen einigermassen gelingen kann, hängt heute sehr stark vom Bildungsgrad der Familie und des Betroffenen, vom gesamten sozialen Umfeld (Freundeskreis, Schule, Arbeitsplatz) und natürlich von der soziokulturell-religiösen Welt, in der dies alles geschieht, ab. Da gibt es wohl Idealbedingungen (weisser oberer Mittelstand in California, Zürcher Goldküste – da kann ich nur hoffen) und ganz schlechte Voraussetzungen.

Kommentare

  • Karl Stadler says:

    Da haben Sie sicher recht, dass auch heute bei weitem nicht jedes soziale Umfeld günstige Bedingungen bereitsstellt, um ein gelingendes Coming-Out zu ermöglichen. Kulturell-religiös bedingte Wertvorstellungen werden solche Bewältigungsversuche stark behindern oder fördern. Yuval Harari schrieb z.B. einmal, dass im sonst von harten Konflikten beherrschten Jerusalem immer am Tag, wo die Gay Pride stattfinde, eine eigenartige Harmonie zum Ausdruck komme, wenn streng gläubige Juden, Muslime und Christen kundtun, dass solche Veranstaltungen ihre Gefühle verletzen würden.
    Anderseits braucht ein Coming-Out keineswegs nur darin zu bestehen, dass breitgeschlagen wird, ob man schwul, hetero oder beides ist. Auch eine aufgeklärte Öffentlichkeit oder das nähere soziale Umfeld besitzen nicht den geringsten Anspruch gegenüber einem Menschen, zu wissen, von welchen Präferenzen er getragen wird. Nach meiner Meinung gehört es zu den zentralsten Bestandteilen des Persönlichkeitsrechts, dass jeder Mensch völlig frei entscheiden kann, wem er deratige Persönlichkeitsmerkmale eröffnen und anvertrauen will.

    Den Film, dessen Handlungsgeschehen Sie in groben Zügen erzählen, habe ich nicht gesehen. Aber auch wenn in gebildeten Schichten ein Coming-Out sich leichter gestalten mag als in den meisten randständigen und von relativer Perspektivlosigkeit gezeichneten Gruppen, so glaube ich nicht, dass ein solches nicht auch dort möglich ist. Dass etwa Freier übers Ohr gehauen und ausgenommen werden, mag in solchen Gruppen gewiss vorkommen. Aber das Verhalten dieses Frankie, so wie Sie es erzählen, deutet kaum auf ein milieuspezifisches Verhalten hin. Auch bei Randständigen gilt loyales Verhalten gegenüber wirklich nahestehenden Personen zumeist als Norm, keineswegs weniger als im Bildungsmilieu. Wer jedoch einen intimen Partner, der sich zu ihm nicht bloss lustbezogen, sondern ebenso aus persönlicher Zuneigung hingezogen fühlt, seinen kriminellen Kumpanen als Raub-Opfer vorwirft, wie dieser Frankie, leidet wahrscheinlich unter einer ausgeprägten dissozialen Persönlichkeitsstörung, ein Phänomen, das nicht nur im randständigen Milieu anzutreffen ist.

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Heinz Angehrn
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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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