Nicht Waffen haben den Frieden geschaffen/DDR-Grenze. © Walter Ludin
Nicht Waffen haben den Frieden geschaffen/DDR-Grenze. © Walter Ludin

Waffen für Bürgerkriegsländer

29.09.2018 – ein Blogbeitrag von Walter Ludin

Waffen – für den Nichtgebrauch …

Es sei ihm egal, ob eine Schraube für einen Traktor oder einen Panzer hergestellt werde. Hauptsache Jobs, Jobs… So wird dem abtretenden Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann nachgesagt. Wohl zu Recht. Denn seit einigen Monaten kämpft er dafür, dass Waffen auch in Bürgerkriegsländer ausgeführt werden dürfen. Falls die Länder versprechen, dass sie nicht zum Einsatz kommen. Eine etwas seltsame Begründung. So etwa wie: «Wir verkaufen euch Kochtöpfe. Aber ihr dürft sie nicht zum Kochen brauchen, auch wenn ihr Hunger habt.»

Zwischenbemerkung: Der Bundesrat ist mir nicht ganz unsympathisch. Vor allem seit er an einer Konferenz von über 300 Aviatic-Fachleuten meinen Aphorismus zitiert hat: «Wer fliegen will, darf nicht Angst haben, den Boden zu verlassen.»

Zurück zum Thema Waffen: Ich habe die aktuelle Diskussion über Waffenausfuhr zum Anlass genommen, wieder einmal im Buch von Willy Brandt zu blättern: Der organisierte Wahnsinn. Wettrüsten und Welthunger.(1985) Daraus  einige immer noch bedenkenswerte Sätze:

  • Die Einsicht, dass immer mehr Waffen die Welt nicht sicherer, aber mit Sicherheit ärmer machen, hat noch nicht weit um sich gegriffen.
  • Der Golfkrieg hat auf erschreckende Weise gezeigt, wie ein militärischer Konflikt mit Waffen der beiden Supermächte in Gang kommen kann, diese Mächte aber unfähig sind, dem Geschehen Einhalt zu gebieten.
  • Es bleibt die Frage, warum es nicht möglich und weshalb die Staaten der Welt nicht fähig sein sollten, einige Prozent der Rüstungsausgaben umzulenken. Und zwar so, dass die abgezweigten, umgelenkten Mittel sinnvollen, friedensstiftenden Zwecken zugute kommen und Massenhunger und krasses Elend verschwinden.

Nach diesem letzten Satz vom grossen Willy zurück an den Anfang unseres Textes: Auch mit der Produktion von Schrauben für Traktoren statt für Panzer kann man Jobs retten. Es geht hier um (Rüstungs)Konversion. Wobei Konversion ein durchaus theologischer Begriff ist. Er bedeutet Umkehr, Bekehrung!

Kommentare

  • M. K. Merkle says:

    Lieber Herr Stadler
    Man kann alles rechtfertigen, wenn man nur möchte…
    Ich widerspreche ihnen, denn mit solchem Handeln handelt für mich Schneider-Ammann sehr wohl ohne grosses Verantwortungsbewusstsein.
    Die als humanitär und neutral geltende Schweiz führt bereits heute viel zu viel an Rüstungsgüter aus, z.B. an die Saudis. Alleine dies ist für mich bereits ein riesiger Skandal.
    Es geht hier nicht um Arbeitsplätze, bei einer Ablehnung bleibt ja alles gleich und die Arbeitsplätze, welche vorhanden sind, werden weiter benötigt. Der Chef einer der liebäugelnden Firmen hat auf SRF bestätigt, dass es künftig auch andere Wege benötigt um wirtschaftlich zu bleiben. Wenn ich mittel- und langfristig denke bei ihrem Argument der Rüstungsentwicklung.., an wen will die Schweiz dann in 5 oder 10 oder 20 Jahren verkaufen?
    Meines Erachtens sehr verwerflich und die Argumente (bei Gott) fast schon lächerlich.
    Soll die RUAG Roboter entwickeln, die Minen finden und entschärfen etc., es gäbe viele Möglichkeiten.
    Würden wir nicht so argumentieren wie ich es auch aus ihrem Text entnehme, sondern würden wir uns eben christliche Ethik und deren Werte etwas mehr einverleiben.., dann hätte der Mensch durchaus das Potenzial ein von der Vernunft geleitetes Tier zu werden…und Menschlichkeit zu beweise.

  • ludin says:

    Nur wenn Waffen in Bürgerkriegsländern nicht eingesetzt werden, dürfen sie dorthin geliefert werden. So wollte es ja der Bundesrat. Zu diesem «Witz» schreibt Jürgmeier im http://www.infosperber.ch:
    «Friedliche Produktion ohne tödlichen Konsum? Autos, die gekauft, aber nicht gefahren; Reisen, die gebucht, aber nicht angetreten; Flugzeuge, die gebaut werden, aber nicht abheben; Wein, der gelagert, aber nicht gesoffen wird; geheizte Privathallenbäder, die geplant, aber nicht gemauert werden. Die Sammlerin als nachhaltiger Konsument. Am besten in einer durch-digitalisierten Kultur, in der die Bagger nicht mehr analog, sondern nur noch in digitalen 3D-Welten auffahren.»
    Es lohnt sich, den ganzen Artikel zu lesen:
    https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Die-Rustungsindustrie–die-nachhaltige-Avantgarde

  • Karl Stadler says:

    Es scheint mir nicht ganz fair, zu behaupten, Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann sei es egal, ob Schrauben für Traktoren oder Panzer exportiert werden. Das ist einfach schlicht nicht wahr! Dass er nach Möglichkeit für die Erhaltung oder Schaffung von Jobs besorgt ist und für entsprechende politische Rahmenbedingungen einsteht, ist immerhin sein “Job” als Bundesrat und die ganze Nation erwartet, dass er diesen gut macht. Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass BR Schneider-Ammann über weniger Verantwortunsbewusstsein verfügen würde als seine Kritiker in dieser Sache.
    Dabei soll keineswegs in Abrede gestellt werden, dass die Ausfuhr von Waffen in potentielle Konfliktgegenden, und welches Land ist dies im Grunde nicht, wie Bürgerkriegsländer, ethisch ein äusserst heikles Unterfangen ist, dass überhaupt bei jeder oder zumindest vielen Waffenaufuhren vermutlich keine wirkliche Garantie besteht, dass solches Material nicht in falsche Hände geraten könnte. Vielleicht wäre es deshalb nicht falsch, die entsprechenden Zuständigkeiten vom Bundesrat auf die Parlamentsebene zu verlegen. Dass jedoch solche Waffen jemals eingesetzt werden könnten, muss keineswegs eine Waffenausfuhr a priori ethisch als zwingend verwerflich erscheinen lassen.
    Auf der andern Seite kann auch nicht bestritten werden, dass die Rüstungsindustrie in der CH gerade gegenüber dem europäischen Ausland, das übrigens ebenso der EMRK untersteht, – von den USA, Russland und China reden wir gar nicht erst -, bei einer allzu engen normativen Einengung in arge Schwierigkeiten geraten kann. Die Rüstungsindustrie der CH trägt wenigstens einen Teil, wenn auch bei weitem nicht gänzlich, gerade auch im Hinblick auf neue Technologien, zur kleineren Abhängigkeit der CH im Rüstungsbereich bei, was im Falle einer allfälligen Selbstverteididgung wichtig und legitim ist. Wer die Armee, wie u.a. teilweise auch Kräfte in der Kirche, am liebsten zu Tode sparen, ja gar abschaffen würde, sodass der heimische Markt für die Rüstungsindustrie in der CH gänzlich auszutrocknen droht, ist unter ethischen Aspekten kaum legitimiert, dem Wirtschaftsminister verantwortungsloses Handeln vorzuwerfen.
    Gewiss sind auch wir verstrickt, wie die gesamte Menschheit, ist es, objektiv betrachtet, ein Irrsinn, wenn sich die Menschheit mit einem Waffenarsenal ausrüstet, das diese in ihren Wurzeln gefährden, ja auslöschen könnte und die Sicherheit der Welt immer gefährdet. Sich jedoch einseitig nackt auszuziehen, auf neue Rüstungsentwicklungen nicht zu reagieren, bzw. zu verzichten, wäre ebenso glatter Selbstmord. Und solange sich Wissenschaft entwickelt und fortschreitet und in Technologien umgesetzt wird, wird sich auch die Rüstung immer weiter entwickeln. Über diese empirisch hinlänglich verifizierte Tatsche vermag auch die christliche Ethik nicht hinwegzutäuschen. Im Grunde sahen dies auch Persönlicheiten so, die keineswegs Militaristen waren (Platon, Nomoi 829 St.; Augustinus “De civitate dei” Buch 19).
    Beim wahrscheinlich grössten Genozid, der sich nach dem zweiten Weltkrieg ereignete, spielte die weltweite Waffenindustrie, wenn überhaupt, eine sehr untergeordnete Rolle. In Ruanda wurden in den neunziger Jahren, je nach Schätzung, zwischen 600’000 und einer Million Menschen innert dreier Monate umgebracht, während die Welt tatenlos zuschaute. Wahrscheinlich waren wir Menschen nie, und werden es wohl auch kaum jemals sein, ausschliesslich von der Vernunft geleitete Tiere!

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Walter Ludin

Walter Ludin, Kapuziner in Luzern. Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite und des franziskanischen Jahrbuchs „Franziskuskalender“. Freier Journalist. Kirchenblogger seit 2005. Themen: Kommentare und Glossen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Predigtauszüge. Aphorismen. Buchbesprechungen.

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