«Säkular» ?

06.08.2019 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Professor Reinhard Schulze (emeritiert, Uni Bern) hat sehr schnell (NZZ vom Freitag, 03.08.) auf Frau Mirzo reagiert. Sein Fazit: Von Mohammed gebe es nur «Erinnerungsgeschichte». Auf gut Deutsch: So sicher sei eigentlich gar nichts an ehemaligen und heutigen Deutungen des Propheten. Und deshalb sei Frau Mirzos Schlussfolgerung zu radikal und nicht wissenschaftlich adäquat.

Etwas verwirrt versuche ich Herrn Schulze zu verstehen. Nehme an, dass es wirklich so ist, dass der historische Mohammed gar nicht greifbar ist. Nehme auch an, dass Herr Schulze mit seiner Argumentation in der islamischen Fachwelt auf Zustimmung stösst. Das alles kann ich nicht be- oder widerlegen. Wer tut es?

Lassen wir deshalb einmal Jesus von Nazareth beiseite. Bei ihm kann in Anbetracht des frühen Zeitpunkts, als die synoptischen Evangelien geschrieben wurden, nun schlechthin nicht von «blosser Erinnerungsgeschichte» gesprochen werden. Das ist – vor allem mit Blick auf Markus und auf die Logienquelle Q – nicht seriös. Mit diesen Texten – meistens sind es gerade die radikalen, denken wir nur an den Unterschied zwischen der Bergpredigt bei Matthäus und der Feldpredigt bei Lukas – sind wir auch sprachlich recht exakt am historischen Jesus dran. Und sehen ihn als radikalen apokalyptischen jüdischen Wanderprediger, der überzeugt ist, dass das Ende der Welt und der Anbruch des Gottesreiches nahe bevor stehen. Zwischen seiner vermuteten historischen Person und den frühen Texten gibt es kaum Widersprüche.

Versuchen wir uns deshalb an Mose, den das Judentum in vielen seiner Strömungen als Gründerfigur versteht. Auch der «historische Mose» ist im Schulzeschen Sinn nicht greifbar, gerade von ihm gibt es blosse Erinnerungsgeschichte. Und nun enthalten die fünf Bücher der Tora, wörtlich die «fünf Bücher des Mose»,  ja jede Menge an Anweisungen, teilweise einigermassen harmlosen – bei Bauanweisungen und Speiseregeln -, teilweise recht radikalen und üblen wie bei den Themen Homosexualität und Ehescheidung. (Wir erinnern uns, dass sich ein emeritierter Schweizer Bischof  recht viel Ärger einhandelte, als er solches flott vor begeistertem Publikum als Gottes Wort und Anweisung zitierte…).
Wenn wir – theoretisch und als Gedankenspiel – nun das Judentum als Ganzes
a) exakt und nur an der Person des Mose (was natürlich nicht zutrifft, da wir dabei David ausser acht gelassen hätten)
und
b) an allen möglichen Texten und Bestimmungen, die die jüdisch-alttestamentliche Tradition auf Mose zurückführt,
zuordnen und beurteilen würden, dann kämen wir etwa zu einem ähnlichen Fazit wie Frau Mirzo: Als liberale/r Jude/Jüdin muss ich Prophetenmord an Mose begehen, um meine Religion vor einer aufgeklärten liberalen und demokratischen Welt verantworten zu können.

Erste Abschlussfrage: Soweit so gut und klar, Herr Schulze, Frau Mirzo?

Nun aber: Das Judentum ist fast 2000 Jahre älter als der Islam. In Vorträgen hatte ich darum immer davon gesprochen, dass aus christlicher Sicht das Judentum unser aller Mutter und der Islam unser jüngerer pubertierender Bruder ist.
Wenn wir uns nun anschauen, wie sich unsere Mutterreligion entwickelt hat, dass es heute neben einem fanatisch-fundamentalistischen Judentum, das die Regeln der Tora auch der aufgeklärten liberalen Welt aufzwängen will, ein völlig liberales Judentum mit Synagogen, in denen Rabbinerinnen wirken und Frauen am Gottesdienst aktiv teilnehmen, gibt, dann

Conclusiones:
a) hätte Herr Schulze teilweise recht
b) bestünde Hoffnung auch für den Islam und sein Weiterschreiten in der Menschheitsgeschichte

 

 

Kommentare

  • Stadler Karl says:

    Aber blenden Sie nicht einen wichtigen Punkt aus: Selbst das streng ultraorthodoxe Judentum ist wahrscheinlich nicht annähernd so stark von einem Missionierungsgedanken beseelt wie das Christentum und der Islam. Ich glaube nicht, dass das von seiner “Rechtgläubigkeit” überzeugte ultraorthodoxe Judentum seine Lebensformen der aufgeklärten liberalen Welt “aufzwingen” will. Auch wenn Konversion möglich ist, bedeutet das nicht zwingend, dass diese religiöse Richtung eine eigentliche missionierende Stossrichtung aufweist.
    Und liegt nicht auch ein Unterschied zwischen Islam und Christentum gerade darin, als Jesus von grossen Teilen der Christenheit keineswegs bloss als “radikaler jüdischer Wanderprediger” gesehen wurde und vielfach immer noch nicht wird? Er war doch gerade kein Prophet! Gerade darin liegt ein radikaler Absolutheitsanspruch verborgen. So ist es jedenfalls bei mir persönlich bereits in der Jugend herübergekommen. In den zentralen Texten, die Sie erwähnen, in der Berg- und Feldpredigt, kommt da wirklich nur eine Heilsbotschaft zum Ausdruck, wie es die meisten Theologinnen und Theologen interpretieren und verkünden? Oder ist nicht vielmehr auch teilweise sehr gefährlicher Sprengstoff darin verborgen, Keime der Zwietracht und des Hasses? So kann man diese Texte jedenfalls ohne Zwang auch lesen. Und sie wurden denn auch teilweise immer wieder so gelesen!

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Heinz Angehrn
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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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