Nein, das ist kein Paradox. Quelle: Pixabay
Nein, das ist kein Paradox. Quelle: Pixabay

Quantenphysik – die Lieblingswissenschaft der Esoterik*

04.08.2018 – ein Blogbeitrag von Karin Reinmüller

Zwei Mal ist es mir neulich passiert. Am gleichen Tag. Dass mir jemand sehr angetan von einer in Esoterik-Kreisen geschätzten Person berichtet hat, und als ich nachgelesen habe stellte ich fest: Mal wieder jemand, die von «Quanten-…» (hier lässt sich von Bewusstsein bis Heilung alles mögliche einsetzen) spricht, als ob damit das esoterische Weltbild wissenschaftlich begründbar wäre. Weil ich einige Jahre lang einen nicht unerheblichen Teil meiner Zeit mit Quantenphysik verbringen durfte (sonst hätte ich meinen Abschluss in Physik nicht bekommen) schreibe ich jetzt also mal darüber. Ich hoffe, interessant genug – wer sich nur für die spirituelle Komponente interessiert, darf gleich ganz runter scrollen.

Die Quantenphysik beschreibt, wie es in der Welt des Allerkleinsten, zum Beispiel im Innenleben von Atomen, zugeht. Und eine verblüffende Eigenschaft quantenphysikalischer Phänomene ist tatsächlich, dass Eigenschaften von Teilchen nicht bestimmt sind, solange sie nicht gemessen werden. Das führt zu Phänomenen, die paradox erscheinen – eines davon (das Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon) ist praktischerweise im Bild oben gezeigt: In der Bildmitte findet ein physikalischer Vorgang statt, bei dem zwei Teilchen entstehen, und zwar mit unterschiedlichem Drehimpuls, eins der Teilchen dreht sich «links rum», das andere «rechts» (es ist ein bisschen komplizierter, deshalb die Anführungszeichen). Die Platten an den Seiten des Bildes sind Detektoren, die messen, welchen Drehimpuls das Teilchen hat, das bei dem jeweiligen Detektor ankommt. Wenn der eine Detektor ein «rechts-rum» Teilchen misst, dann ist klar – der andere misst eines «links rum», auch wenn der zweite Detektor etwa auf dem Mars stehen würde, wo das Teilchen erst ein paar Minuten später ankommt (solche Teilchen sind ziemlich schnell, deshalb muss man sich enorme Strecken denken…). Der Gag ist jetzt: Im Unterschied zur Alltagswelt sind, nach einer gängigen Interpretation der Quantenphysik, beide Teilchen vor der Messung in einem Zustand, in dem sie sowohl «links» als auch «rechts» herum drehen. (Es gibt auch Interpretationen, nach denen wir schlicht nicht wissen, in welche Richtung sich das Teilchen dreht – die sind aber nicht Esoterik-tauglich.) Erst im Moment der Messung legt sich das Teilchen sozusagen fest – ab dann ist seine Richtung klar. Blöd nur, dass, sobald Teilchen Nummer eins gemessen ist, auch das Teilchen auf dem Weg zum Mars sich festgelegt hat. Ab dann ist ja klar, es muss sich anders herum drehen. Das macht so einen paradoxen Eindruck, dass sogar Einstein Bedenken gegen die Quantenphysik anmeldete – es sieht nämlich ganz so aus, als sei dies ein Effekt, der immer sofort auftritt, wo doch Einsteins Relativitätstheorie darauf basiert, dass nichts schneller als das Licht sein kann! Die Lösung dafür: Die Relativitätstheorie verbietet lediglich die Übertragung von Information mit Überlichtgeschwindigkeit. Information kann aber mit so einer Messung tatsächlich nicht übertragen werden, es gibt ja keine Möglichkeit, etwa festzulegen, in welche Richtung sich das als erstes gemessene Teilchen drehen soll. Auf der Erde ist dann zwar früher bekannt als auf dem Mars (nämlich sobald Teilchen eins gemessen wurde), was das Ergebnis der Messung auf dem Mars sein wird, wenn denn Teilchen zwei dort den Detektor gefunden hat – aber die Information darüber können die Marsmenschen maximal mit Lichtgeschwindigkeit erhalten, also kein Problem.

Das Phänomen dieser Fernwirkung ist einer der quantenphysikalischen Effekte, der sich leider als «wissenschaftlicher Beweis» dafür verwenden lässt, dass alles mit allem zusammenhängen und unser Bewusstsein die Materie bestimmen würde. Nein, das tut es nicht – entscheidend ist zum Beispiel der Detektor, der hat kein Bewusstsein (nicht die Doktorandin, die drei Wochen später die Daten analysieren darf). Und ein Zusammenhang zwischen zwei Teilchen, die nicht miteinander kommunizieren können (das wäre Übertragung von Information) ist auch nicht das, was sich EsoterikerInnen unter einer gelungenen Beziehung vorstellen.

Das heisst nicht, dass Quantenphysik für mich nichts mit Spiritualität zu tun hat. Im Gegenteil: Quantenphysik beweist, dass die Natur so geschaffen ist, dass sie unsere Vorstellungskraft übersteigt. Nicht unsere mathematischen Fähigkeiten, berechnen lässt sich da sehr viel – aber es gibt Phänomene, die nachweisbar sind, und die wir einfach nicht intuitiv begreifen können. So wie ein Wellensittich immer noch mit seinem vermeintlichen Gefährten im Spiegel zwitschert, auch wenn er schon fünfmal um den Spiegel herumgehüpft ist und also «weiss», dass da niemand ist. Dass schon die Natur so ist, dass ich sie mit all meinen Gefühlen und Vorstellungen nicht nachvollziehen kann, das macht es für mich ein bisschen leichter, zu hoffen, dass auch mein Leben, und das Leben von Menschen, die mir wichtig sind, «stimmt», auch wenn ich manches darin ebensowenig begreifen kann.

*Ein Begriff von Florian Aigner aus seinem schönen Artikel unter https://www.profil.at/wissenschaft/esoterischer-unfug-welt-quanten-8127117

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Karin Reinmüller

Karin Reinmüller ist Physikerin, Software-Ingenieurin und neu auch Theologin. Sie schreibt als Pastoralassistentin über den ihr noch recht unbekannten "Planeten Pfarrei" und über ihre Versuche, Glauben und Leben zusammenzubringen.

Im Blog von Karin Reinmüller

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