Erinnerung an die Heimat © hanspeter gysin
Erinnerung an die Heimat © hanspeter gysin

Palästina: was geschah vor 70 Jahren?

12.05.2018 – ein Blogbeitrag von Walter Ludin

Palästina, 15. Mai 1948

«Einmal mehr werden Emotionen angesprochen statt Fakten zu präsentieren», entgegnete ein sehr bekannter Israel-Lobbyist auf meinen Blog über die Nakba, die Vertreibung von unzähligen Palästinensern aus ihrer Heimat. Einverstanden. Hier sind Fakten:

Mattthias Schmale, Leiter des UN-Flüchtlingswerks im Gazastreifen: Israel reagierte auf die Gaza-Proteste der letzten Wochen mit aller Härte. Mehrere Demonstranten wurden erschossen, «teilweise von hinten, als sie von der Grenze weggelaufen sind. Die Reaktion der Israelis ist völlig unverhältnismässig. Es gibt mehr als 30 Tote und über 4000 Verletzte, allesamt auf palästinensischer Seite». (Publik-Forum 27. April 2018)

Dazu eine aktuellere Statistik aus dem Newsletter der Gesellschaft Schweiz-Palästina:

«Bis 5. Mai 30 Tote, 8’844 Verwundete, davon 255 durch Hartgummigeschosse und 2’063 (=90%) durch scharfe Munition. Die UN-Organisation OCHAopt stellt regelmässig diese Zahlen zusammen – doch in unseren Medien finden wir diese kaum…»

Darum seien sie hier in meinem Blog wiedergegeben. Sicher werden sie in der Israel-Lobby keine Emotionen des Bedauerns auslösen. Man wird wohl wieder – wie schon mehrmals – den palästinensischen Hitlerfreund H. aufmarschieren lassen zum Beweis, wie böse die Palästinenser sind …. Na, ja, wenn die Argumente ausgehen und die Fakten geleugnet werden müssen halt so olle Kamellen her.

Eine höchst interessanter geschichtlicher Abriss der Nakba/Staatengründung von Hanspeter Gysin:

Erinnerung an die Heimat © hanspeter gysin

http://www.palaestina-info.ch/images/docs-pdf/PAINFO_Herbst_2017_DE_WEB.pdf

Daraus nur zwei kurze Abschnitte:

Ein kolonialistische Projekt

Eine entscheidende Rolle in der Frühzeit spielte Balfour-Deklaration vom 2. November 1917:

«Ganz in kolonialer Überheblichkeit gegenüber Völkern anderer Kontinente wurde damals geplant, ohne die Ansässigen zu konsultieren und ohne zu beachten, dass damit gleichzeitig gegen die eigene Charta, welche das «Selbstbestimmungsrecht der Völker» postuliert, verstossen wurde. Zudem sah der Teilungsplan vor, der zumeist eingewanderten jüdischen Minderheit über die Hälfte des Gebiets und zudem die fruchtbarsten und wirtschaftlich erfolgversprechendsten Teile des Landes zuzugestehen.»

Weshalb haben die arabischen Führer interveniert?

«Als die ersten regulären arabischen Armeeeinheiten intervenierten, waren bereits Hunderttausende Menschen vertrieben und überfüllten Städte und Flüchtlingslager der Umgebung. Erst dann – nicht zuletzt aufgrund des Rumorens in der eigenen Bevölkerung und um das Gesicht nicht vollends zu verlieren – beschlossen die arabischen Herrscher einzugreifen.»

 

PS: Nachtrag zur obigen Statistik:

Israelische Minister haben die Soldaten verteidigt, die darüber gejubelt hatten, dass ein Palästinenser an der Grenze zum Gazastreifen niedergeschossen wurde. Videoaufnahmen von dem Vorfall kursierten in sozialen Medien und sorgten bei vielen für Empörung.

In dem kurzen Film ist zu sehen, wie ein Soldat auf einen ruhig stehenden und offenbar unbewaffneten Mann zielt und schiesst. Der Mann fällt zu Boden, Kameraden des israelischen Schützen reagieren mit Freudenschreien. «Dieser Hurensohn», ruft einer auf Hebräisch.

Auch dies ein Beispiel von «Emotion»…

 

Kommentare

  • Michael Merkle says:

    Eine Frage noch an Herrn Stadler: sie erwähnen Franziskus. Nun, wäre Franziskus heute vor Ort am Gaza-Streifen, wo genau könnte man ihn wohl finden? Ich kann dies natürlich nicht beantworten, würde aber dazu tendieren, dass er sich bei den Opfern mit den schlimmsten Folgen dieser Auseinandersetzung tummeln würde.., damit wohl auf der Seite der Palästinenser bei den vielen Opfern… Rein hypothetisch natürlich….

  • Hanspeter Büchi says:

    Herr Gysin tut sich schwer mit Fakten. Bis zum 2. Weltkrieg gab es kein internationales, rechtlich verankertes Selbstbestimmungsrecht. Der Bericht der königl. Palästina-Kommission schrieb 1937 “Die arabische Klage, dass die Juden zuviel des “guten” Landes zugewiesen erhalten hätten kann nicht aufrecht erhalten werden. Viel des Landes, das nun Orangenplantagen enthält, waren Sanddünen oder Sumpf sowie unkultiviert, wenn es gekauft wurde. Thema Vertreibungen: Es gab einige Vertreibungen, doch ging die Mehrzahl, weil von arabischen Stellen so befohlen (z.B. Haifa, wo entsprechende Polizeiberichte vorliegen). Der Kampf gegen die Juden hatte sich bereits mit dem UNO-Teilungsplan vom Nov. 47 massiv verstärkt, bis dann im Mai 1948 5 arabische Armeen angriffen. Das Argument Gysins ist völlig unglaubwürdig, da die Opposition gegen die Juden bereits 1920 begann, unter Führung von _Amin Al-Husseni, dem späteren Freund Hitlers und Himmlers. Grund? Israel liegt aufgrund der Vorgeschichte auf Dar al-Islam, das nach islamischer Lehre niemals von Nicht-Muslimen regiert werden darf. Deshalb kann es aus Sicht des Islam keinen Frieden geben.
    Falsches Verhalten israelischer Soldaten ist zu verurteilen, aber…. Man höre sich die hasserfüllten, antisemitischen paläst. Sendungen auf http://www.palwatch.org an, oder wie Abbas Mörder von Juden feiert und die Jungen Palästinenser zum Märtyrertum verführt, damit sie Juden ermorden. Herr Gysin hat vergessen, dass der Mufti von Jerusalem 2012 die Muslime aufforderte, die Juden zu töten…

  • Michael Merkle says:

    Ich kann beide Seiten dieser Kommentare vollends nachvollziehen denke ich…
    Aber Fakt ist, was gerade, zumindest auch bei mir Emotionen weckt, abläuft. Und zwar in einer sich stets wiederholenden Unverhältnismässigkeit, die nicht zu tolerieren sein darf.., oder dürfte… Sogar mit der Luftwaffe ‘schiessen Israelis in die Beine’ von Palästinenser. Es spielt auch keine Rolle, ob ich Katholik bin, denn grundsätzlich sollten wir alle für Menschlichkeit einstehen.
    Ich rühme nicht die Hamas und ihre Raketen. Aber wenn z.B. ein Junge ein Stein würfe, kann ich es dann rechtfertigen, wenn dies vergeltet würde, in dem man dem Jungen eine Handgranate in den Mund steckt, ihm einen Sprengstoffgürtel umschnallt, auf eine Tretmine stellt um ihn dann mit einer Panzerabwehrrakete ‘erschiesst’?!
    So in etwa sehe ich die Relationen. Weder die Hamas haben Israel zu vernichten (wollen), noch Israel umgekehrt die Hamas. Aber die ‘(Friedens)Politik’ der Israeli kann aus meinem Verständnis heraus nicht ‘Gott-Gewollt’ sein. Sie ist in meinen Augen einer der schlimmen Teile der Menschheitsgeschichte.
    Und bei israelischen Soldaten geht es nicht nur um einzelne ‘Übergriffe’, die wie hier behauptet interne Untersuchungen auslösen. Wäre dies tatsächlich und v.a. konsequent, dann würden solche ‘Fehler’ nicht in diesem Ausmass passieren können, wie sie es seit Jahren tun.
    Und dies scheint mir Fakt.., dies löst Emotionen aus.., leider keine guten.

  • Karl Stadler says:

    Wenn die Gestaltung Ihres Blogs zu diesem thema tatsächlich den Vorstellungen von Franziskus entsprechen sollte, wie er sie gestern im Zusammenhang mit dem katholischen Medientag als anzustrebender “Friedensjournalismus” vortrug, dann vermöchte ich persönlich jedenfalls seinen Vorstellungen wirklich nichts abgewinnen.

  • Karl Stadler says:

    Jedenfalls würde es gewiss nicht schaden, sich ein wenig auch um die historische Quellenlage ausgeglichen zu bemühen, statt sich immer damit hervorzutun, wie man von Publikationen in “Sachbüchern” bestätigt werde. Es wurde meinerseits in den Antworten nie bestritten, dass die Siedlungspolitik sehr wohl kritisiert werden darf und auch soll. Diese ist auch in Israel unter den jüdischen Israelis selber über weite Strecken umstritten. Das enthebt Sie nicht von Ihrer Pflicht, den Konflikt in seiner umfassenden Dimension darzustellen, insbesondere, wenn Sie einen Blog unterhalten, der auf der offiziellen Website der Katholischen Kirche Schweiz publiziert wird. Wer den Palästina-Konflikt einseitig und verzerrt auf die derzeitige Siedlungspolitik Israels reduziert, diesen Staat nur als “Räuber- und Unterdrückerstaat” darstellt und in steter Regelmässigkeit nur auf Fehlleistungen dieses kleinen und jungen Staates hinweist, während alle übrigen Faktoren, die einer Friedenslösung auf zum Teil noch fundamentalere Weise im Wege stehen, systematisch ausblendet, der verteidigt in keiner Weise die sogenannten “Schwachen” in dieser Region, sondern hetzt schlicht und einfach die hiesige Meinungsbildung gegen den Staat Israel auf. Es ist eine Schande, dass solches auf einer offiziellen Plattform der Kirche passiert.
    Um nicht allein bei historischen Gegebenheiten zu verweilen, lesen doch einmal das ganz neu erschienene Buch – ich hatte es vorab bestellt – von Menachem Klein “Jerusalem – geteilt, vereint: Araber und Juden in einer Stadt”. Es ist nicht im Ansatz eine schönfärberische Darstellung der Position der jüdischen Israelis. Aber es zeigt, dass alles viel komplizierter ist, als den Konflikt auf die verfehlte Siedlungspolitik zu reduzieren.

  • ludin says:

    Belehrende Geschichtslektionen sind ja gut und recht. Doch sie vermeiden, auf die aktuelle Situation eingehen zu müssen.
    So fragte ich in meinem vorletzten Blog über das Thema, wie die Siedlungspolitik der Israelis zu rechtfertigen sei. Es ist ja Landraub – und die Verhinderung einer 2-Staatenlösung. Ich bekam keine Antwort.
    Oder zum obigen Blog: Wie ist zu rechtfertigen, dass junge Menschen von hinten erschossen werden?

  • Karl Stadler says:

    “Die Reaktion der Israelis ist völlig unverhältnismässig”. Dann zitieren Sie auch einmal Quellen, keineswegs israelische, auch solche, die nicht zur “Israel-Lobby” zu zählen sind, sofern man Leute nicht dazu zählt, die nicht blindlings palästinischer Propaganda folgen, die darstellen, wie die Hamas systematisch, teilweise unter Androhung von schwerwiegenden Nachteilen, diesen Massenprotest organisiert und antreibt, trotz unzähliger vorangehender Warnungen seitens Israels, auch des Militärs und des Verteidigungsministers. Wenn tausende von Leuten auf den Grenzzaun, der zur Abwehr ständiger Terroraktionen dient, getrieben werden, um diesen zu überwinden, wenn nachweislich versucht wird, diesen mittels Sprengmittel zu zerstören, von einer Terrororganisation wie die Hamas, deren erklärtes Ziel die Zersörung des Staates Israel ist, und sich schon immer in der Tradition übte, Zivilisten, Schulen und Spitäler als Schutzschilde zu benutzen, glauben Sie, dass die Armee mit verschränkten Armen zusehen würde, was weiter passiert? Ariel Sharon zog das Militär im Jahre 2006 aus Gaza ab, ohne dass Gaza anfänglich abgeriegelt worden wäre. Was geschah in der Folge als Anerkennung für diese Geste: Hunderte Raketen, inzwischen sind es tausende, wurden bereits ein Jahr später in Richtung Israel abgefeuert. Die Hamas, welche hunderte von Millionen Franken Hilfsgelder, auch von der EU, die für die Verbesserng des Loses der Zvilbevölkerung bestimmt sind, veruntreut und zweckentfremdet und sie für terrositische Infrastukturen und Aktionen einsetzt, das soll anderseits in Ihren Augen wieder legitim sein?
    Studieren Sie doch endlich den Friedensvertrag von Sèvres, der zwar formal nie wirksam wurde, oder den Friedensvertrag von Lausanne 1923, zwischen der damaligen Türkei und den alliierten Hauptmächten, welche den völkerrechtlichen Status von Palästina nach dem ersten Weltkrieg veränderte. Oder das Palästinamandat, dessen Entwurf vom Rat des Völkerbundes glaublich im Jahre 1922 gutgeheissen wurde. Es war keineswegs so, dass dieses Mandat einfach zum Nachteil der arabische Bevölkerung Palästinas ausgestaltet war. Auch die Balfour-Deklaration wollte dies nicht. Diese wollte nicht das gesamte Palästina der jüdischen Bevölkerung zuschanzen, ist mit den Zielen einer Zweistaatenlösung sehr wohl vereinbar. Dennoch gibt es auf arabischer Seite massive Kräfte, nicht zuletzt auch Mahmud Abbas, welcher eine historische Verbundenheit des Judentums mit Palästina gänzlich leugnen.
    Werfen Sie doch auch einmal einen Blick auf die Rechtsverhältnisse, wie sie in den 20er Jahren bestanden, auf die Besitzesverhältnissee von Grund und Boden in Palästina, auf die damalige Besitzverteilung. Dieser Boden wurde damals keineswegs einfach von der jüdischen Bevökerung gestohlen. Werfen Sie einen Blick auf die Entwicklung, welche die jüdische einwandernde Bevölkerung in den Bereichen der Landwirtschaft, des Handels, der Industrie, in Bereichen des Verkehrs- und Strassennetzes und im Genossenschaftswesen, im Bereich der Bildung und des Schulwesens und in vielen andern Belangen mehr vorantrieben, bereits lange bevor der Staat Israel gegründet wurde. All dies keineswegs zum Nachteil der arabischen Bevölkerung.
    Die Geschichte des Staates Israels ist sicher auch mit vielen Fehlern und Ungerechtigkeiten behaftet. Aber im Grunde ist es eine Geschichte ständiger tödlicher Anfeindungen und Bedrohungen, teilweise unterstützt von auch von religiösen Kräften, die besser daran täten, endlich den jahrtausendealten mehr oder weniger feindseligen Umgang mit dem Judentum ehrlich aufzuarbeiten. Dennoch erheischt es riesigen Respekt, wenn man sich vor Augen hält, was die israelische Bevölkerung in diesen siebzig Jahren des Bestehens des Staates Israel auf allen Gebieten für gewaltige Leistungen erbracht hat.
    Es verleidet, Kommentare zu diesem Thema zu schreiben. Langsam hat man die Nase voll von diesem einseitigen, geschichtsklitternden und verzerrten Gehetze in diesem Blog gegen den Staat Israel. Dass dem jetzigen Kabinett auch Personen angehören, – keineswegs alle Mitglieder – , die teilweise haarsträubendes Zeug erzählen, wie z.B. Bildungsminister Naftali Bennett, gehört für all jene zu einem Gemeinplatz, die sich nur am Rande für dieses Thema interessieren. Und dieser Meinung sind wahrscheinlich auch weite Teile der israelischen Bevölkerung.
    Trotzdem, wenn Sie dessen Lob für das verwerfliche Verhalten der betroffenen Soldaten im Zusammenhang mit der Abwehr der Überwindung des Grenzzauns (Video) erwähnen, wäre es ein Gebot der Ehrlichkeit, im gleichen Zug auch daran zu erinnern, dass die Leitung der israelischen Armee umgehend eine Untersuchung über den Fall einleitete und in keiner Art und Weise solches Verhalten billigt. Das hat sie, übrigens auch in andern Zusammenhängen, nie getan, wenn sich herausstellte, dass tatsächliches Fehlverhalten vorlag und nicht lediglich in verleumderischen Kampagnen behauptet wurde.

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Walter Ludin

Walter Ludin, Kapuziner in Luzern. Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite und des franziskanischen Jahrbuchs „Franziskuskalender“. Freier Journalist. Kirchenblogger seit 2005. Themen: Kommentare und Glossen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Predigtauszüge. Aphorismen. Buchbesprechungen.

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