Mehr zum notwendigen Dialog

30.01.2019 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Ich weiss, dass mein Letzt- (und in diesem Fall) mein Erstkommentar mehr kabarettistisch als seriös daherkam, darum verwende ich den Blog dieser Woche zu einer schon längst fälligen ernsthaften theologisch-pastoralen Erwägung.

Vorbemerkung 1: «unam, sanctam … ecclesiam» – natürlich löste gerade dieser Teil des Credo (wenn dann noch in einer der grossen Messen von Anton Bruckner, dem katholischsten aller Komponisten) auch in mir als Ministrant am Dom wohlige Schauer aus. Man/n wusste, dass man am richtigen Ort war, dass man das Wahre und Heilige hütete. Aber Einheit muss ja nicht Uniformität bedeuten, dazu kam später dies:

Vorbemerkung 2: Die Überraschung bei der Begegnung mit dem ambrosianischen Ritus hier im Tal (schon mehrfach ausgeführt), dass es auch in der einen heiligen Kirche eine Vielfalt an Riten, und dies gerade noch am heiligsten Orte, bei der Eucharistiefeier, gibt. Das natürlich vor dem Hintergrund des schon im Studium in der Kirchengeschichte Gehörten, dass die  Vereinheitlichung erst recht mit den irischen Wandermönchen des 5. und 6.Jahrhunderts begonnen hatte, und vorher noch viel mehr Vielfalt war.

«ad fontes» würde also auch in unserer Kirche bedeuten: mehr Subsidiarität. Auch in einer grossen und weltweiten geistigen Institution muss nicht alles und überall genau gleich geregelt und organisiert werden. Gerade diese Institution, die seit Thomas um den Gegensatz von Substanz und Akzidenz weiss, könnte zulassen und sich daran freuen, wenn die Akzidenzien je nach kulturellem, geographischem und klimatischem Hintergrund verschieden ausfallen können, gerade um die Substanz zu wahren.

Einschub 3: Denken wir zurück an das grandiose Scheitern der China-Mission. Wie würde wohl Asien aussehen, wenn die Zentrale in Rom damals zugelassen hätte, dass die Eucharistie auch mit Reisbrot gefeiert werden und dass ihre Würdenträger sich in die landesüblichen Gewänder kleiden dürfte/n?

Hier liegt für mich das Ärgernis des radikalen Umgangs mit der Piusbruderschaft. Natürlich sind mir verschiedenste Aspekte ihrer Doktrin äusserst verdächtig (dazu später dann am Schluss), aber bezogen auf den Messritus verstand und verstehe ich nicht, warum man nicht einer kleinen Gruppe innerhalb der Institution das Feiern eines alten (und veralteten) Ritus weiter zugestehen sollte.

Ich fordere natürlich das Umgekehrte auch für Gruppierungen am anderen Rande der Institution. Wenn es nicht um die Substanz geht, soll auch dort Vielfalt möglich sein, sollten vielleicht auch Experimente zugestanden werden. In concreto: Beim Umgang mit den unierten Ostkirchen akzeptiert Rom das Vorhandensein von verheirateten Klerikern, die die Sakramente spenden. Also ist dieser Punkt nicht Substanz (ich glaube, dass das sogar theologisch mehrheitsfähige Auffassung ist!). Ergo müsste das Experiment mit viri probati, das gerade bei uns eine grosse (und nicht nur eine unbedeutende) Not wenden würde, doch möglich sein.

Zum Schluss: Bei der Substanz kenne auch ich keinen Pardon. Zur Substanz des Christentums (auf Basis der Botschaft seines Gründers) gehören etwa die Lehre der Toleranz und der grossen Barmherzigkeit Gottes. Das Zweite Vatikanum hat darum mit den Dokumenten über den religiösen Dialog, die Religionsfreiheit und das Verhältnis zum Judentum notwendige und not-wendende Schlüsse gezogen. Hier sollte der Disput mit den Piusbrüdern geführt werden, und hier gibt es keinen Spielraum für unterschiedliche Meinungen in der «einen heiligen» Kirche.

 

 

 

 

Kommentare

  • karl stadler says:

    Ja, Herr Angehrn, sie führen uns wieder einmal auf philosphisches Glatteis, mit dem aristotelischen Erbe des Substanz- und Akzidenzproblems. Ganz ähnlich dem Universalien- und Nominalismusstreit in der Scholastik. Aber es geht aus Ihrem sehr schönen Beitrag präzis hervor, was Sie meinen. Gewiss haben Sie recht, dass verschiedenste Riten, zeugnisablegend von verschiedenen Kulturen und Zeiten, eigentlich eine riesige Bereicherung, wenn auch akzidenteller Natur, sein könnten. Und solche verschiedenen Riten müssten im Grunde keineswegs eine trennende oder gar ausschliessende Wirkung entfalten.
    Aber das Substanzielle, die Substanz der vom Glauben geforderten normativen Lebensform, die verursacht gewiss sehr grosse Schwierigkeiten und viel an persönlicher Zerrissenheit. Und gerade hier gibt es offenbar kein Pardon. Hunderte Millionen von Muslimen, Hindus etc. halten Werte wie Wahrheit, Barmherzigkeit, Verantwortung ud viele menr hoch. Oder Christen betrachten Schriftstellen wie die Feldrede bei Lukas als Kernstellen der Glaubensethik. Eben genau bei solchen Haltungen geht es nicht um Akzidenzien, vielmehr um die Substanz, um den Kernbestand der Offenbarung.
    Persönlich jedenfalls vermag ich mich mit verschiendensten Riten sehr wohl abzufinden. Aber bei der Substanz, die durch sie ja letztlich zum Ausdruck kommt, fühlt man sich täglich hoffnungslos überfordert.

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Heinz Angehrn
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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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