Sonnenuntergang am Nil © Steffi Pelz/pixelio.de
Sonnenuntergang am Nil © Steffi Pelz/pixelio.de

Muslime und Juden können sich versöhnen

21.12.2018 – ein Blogbeitrag von Walter Ludin

Karl-Josef Kuschel: «Dass wir alle Kinder Abrahams sind …». Helmut Schmidt begegnet Anwar as-Sadat. Ein Religionsgespräch auf dem Nil. Patmos 2018. 978-3-8436-1096-4. 237 S. CHF 37.90

Als im Jahre 1977 der ägyptische Staatspräsiden Sadat dem deutschen Bundeskanzler auf einer Nil-Fahrt unter sternenklarem Himmel erklärte, dass die Juden, die Christen und die Muslime Abraham als den gemeinsamen «Vater im Glauben» haben, war dies den  wenigsten Gläubigen bekannt. Ebenso sprach kaum jemand von den vielfachen Überschneidungen von Bibel und Koran.

Inzwischen bezeichnet man die drei Gemeinschaften als «abrahamitische Religionen». Doch es kommt immer noch viel zu selten vor, dass Gläubige daraus Konsequenzen ziehen.

So ist das vorliegende Buch keineswegs überflüssig. In der Mitte wird die Begegnung der beiden zu Freunden gewordenen Staatsmänner anschaulich geschildert, nachdem am Anfang das Profil der beiden Politiker geschildert wird. Der letzte Teil zeigt ausführlich, wie das Konzept der «abrahamitischen Religionen» zum Frieden beitragen könnte, auch, aber keineswegs nur im Nahen Osten.

Zitat

Palästina-Israel
«Weitergekommen ist man seither (Camp David II./2000; Taba/2001) nicht. Im Gegenteil: Und bis heute ist die ungeklärte Situation der Palästinenser (›Zwei-Staaten-Lösung’) einerseits und die exzessive Siedlungspolitik Israels andererseits eine brennende Wunde der Nahost-, ja der Weltpolitik. Die von hier ausgehenden inneren und äussern Spannungen können jederzeit eskalieren, ja explodieren und die Welt mit ins Verderben reissen.»

Karl-Josef Kuschel: «Dass wir alle Kinder Abrahams sind …» S. 117


Juden gegen den Anti-Semitimus-Vorwurf
Auch auf diesen Seiten: Wenn ich Israels Politik kritisiere, wird mir oft der Vorwurf gemacht, Anti-Semit zu sein. Zum Thema zitiere ich hier eine aktuelle jüdische Stimme (Quelle: www.infosper.ch)

Appell an die offizielle Schweiz»
«Wir nehmen als jüdische zivilgesellschaftliche Organisation Stellung, weil uns die Frage etwas angeht, was legitime Kritik an israelischer Politik ist und wo sie antisemitisch begründet sein könnte. Weil wir Partei nehmen für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina und selber mit dem Antisemitismus-Vorwurf, resp. dem Vorwurf des «jüdischen Selbsthasses» konfrontiert sind. Weil wir für den Erhalt der demokratischen Prinzipien und Praxis einstehen und wir den eingeschränkten Raum für zivilgesellschaftliche Aktivitäten nicht hinnehmen wollen.

Es ist die Aufgabe der offiziellen Schweiz gegen jeglichen Antisemitismus als Feindschaft und Hass gegen jüdische Menschen, weil sie jüdisch sind, aktiv vorzugehen. Wir appellieren aber auch an die Schweizer Regierung, den zivilgesellschaftlichen Raum für Organisationen und Personen, die die israelische Politik kritisieren, nicht einzuschränken. Wir fordern sie auf, wo immer auf Grund von Ideologien gewaltfreie Kritik an der israelischen Politik behindert wird, dies zu problematisieren und sich öffentlich und aktiv dagegen einzusetzen. (…)

Zürich, 25. November 2018
Jüdische Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina, jvjp.ch,
8000 Zürich;
www.jvjp.ch

Dazu der Infosperber:

Es sind also nicht «die» Juden, die Kritik an Israel verhindern wollen, es ist die Regierung Netanyahu und es ist die Israel-Lobby, die, Menschenrechte hin oder her, diese Maulkorb-Politik betreiben – im Interesse der Politik Netanyahus und seiner Anhänger in Israel und in den USA.

 

Kommentare

  • Karl Stadler says:

    Ach, Herr Ludin, was hat jetzt der Flügelstreit in der Kirche mit Israel-Kritik zu tun? Natürlich wurde B16-Bashing teilweise auf eine Art betrieben, die zu hinterfragen ist. Und gewisse Kreise schicken sich bereits jetzt wieder an, Bergoglio-Bashing zu betreiben, weil er nicht in allen Teilen in ihrem Sinne funktioniert. Wer sich die Mühe nimmt, die Kirche ein wenig von aussen zu beobachten, der stellt bald fest, dass die dortige Streitkultur sich um nichts auf gehobenerem Niveau gestaltet als diejenige an jedem Stammtisch.
    In Sachen Israel fokussieren Sie sich immer ausschliesslich auf eines der Hauptprobleme, der Siedlungspolitik. In Israel, selbst bei ehemaligen Sicherheitsfachleuten in führenden Stellungen in Geheimdienst und Militär, wird diese Politik zum Teil scharf kritisiert. Aber viele Kritiker hier in Europa, nicht zuletzt kirchlicher und linker Provenienz, blenden konstant aus, dass sich dieser Konflikt bei weitem nicht allein auf die Siedlungspolitik reduzieren lässt, auch wenn diese eine hohe Hürde im Friedensprozess darstellt. In dieser Frage sind sich die Israeli über alle politischen Differenzen hinweg weitgehend einig.
    Klassischer Dogmatismus und Ideologie eben!
    Aber Differenzen hin oder her, allen eine friedliche Zeit in den kommenden Tagen!

  • ludin says:

    Mit dem “Bashing” ist es so ne Sache: Wer Benedikt kritisiert hatte, wurde mit diesem Vorwurf noch und noch eingedeckt. Doch als er zurückgetreten war, haben viele, die diesen Vorwurf gemacht hatten, kleinlaut zugegegeben, dass B16 in seinem Amt überfordet war und haben als Beleg genau diese Kritiken wiederholt.
    Was die Schweiz im 2. Weltkrieg betrifft: Skandalös! Aber wem nützt es, dies zu sagen? Kein einzinger toter Jude wird lebendig. Doch wenn wir Israel an seine Untaten -wie etwa Siedlungspolitik”- erinnern, könnte es sein, dass wenigstens langfristig einige palästinensische Familien davor bewahrt worden, von ihrem Grund un Boden vertrieben zu werden…..

  • Roland Xander says:

    Wäre sicher angebracht, anstatt des permanenten Israel-Bashing sich wieder einmal mit der Rolle der offiziellen Schweiz gegenüber den Juden im zweiten Weltkrieg zu befassen. Ich wohne in Vorarlberg direkt an der Schweizer Grenze und besuche gelegentlich die jüdischen Fluchtwege am Rhein zur Schweiz. Habe mich ausführlich mit dem Schicksal des St. Galler Polizeihauptmannes und Fluchthelfers Grüninger beschäftigt, was ihm die offizielle Schweiz auch noch nach dem Krieg angetan hat ist einfach nur schändlich und erbärmlich.

    Auch ich bin für eine Zweistaatenlösung und finde es inakzeptabel was von jüdischer Seite den Palästinänser immer noch angetan wird. Die hohe Politik versagt hier auf allen Linien.

  • Karl Stadler says:

    Im Zusammenhang mit Ihrem Titel “Juden und Muslime können sich versöhnen”, ist mir letzte Nacht eine Äusserung von Yuval N. Harari, Professor für Universalgeschichte an der Häbräischen Universität Jeruasalem, in die Erinnerung gekommen, die allerdings reichlich paradox, aber auch etwas furchterregend anmutet. Er sagte, dass seit ca. zehn Jahren in Jerusalem jeweils eine Gay Pride Parade stattfindet. An diesem Tag herrsche jeweils in der sonst von harten Konflikten durchdrungenen Stadt eine seltene und vor allem eigenartige Harmonie, weil sich die gläubigen Muslime, Juden und Christen jeweils zusammentun und gegen diese Gay Parade in seltener Einmütigkeit demonstrieren, weil diese ihre Gefühle verletzen würde.
    Ist diese Welt der Kinder Abrahams nicht eine sonderbare, aber auch Angst einflössende Welt?

  • Karl Stadler says:

    Gibt es denn überhaupt eine “Israel-Lobby”? Oder genauer gefragt: Wen zählt man zur Israel-Lobby? Schon x-mal wurde in Kommentaren in diesem Blog darauf hingewiesen, dass Kritik an der israelischen Politik keinesfalls per se als antisemitisch zu werten ist. Dies ist im Übrigen längst ein Allgemeinplatz. Wenn diese Kritik jedoch stetig unter Ausblendung zentraler Gesichtspunkte, die nicht in die je eigene Sichtweise passen, erfolgt, und ausschliesslich auf israelische Fehlleistungen fokussiert, dann kann Israelkritik nicht nur antisemitisch, sondern sehr wohl auch hetzerisch gestaltet sein. Dieser Meinung sind in Israel keineswegs bloss Netanjahu und seine Gefolgsleute, sondern auch die oppositionellen Kräfte, die politisch mit Netanjahu sehr wenig verbindet. Bloss will man dies in Europa in manchen Kreisen oder in gewissen UN-Gremien nicht wahrhaben.
    Im Übrigen: Wenn schon von Maulkorb die Rede ist, vergleichen Sie doch einmal diesbezüglich die Haltung und Massnahmen der PA im Westjordanland und der Hamas in Gaza, wenn in der eigenen Bevölkerung gegen deren Regime Kritik laut wird und vergleichen Sie mit der Haltung der Regierung Netanjahu in Israel in solchen Situationen!
    Die Kirche jedoch sollte sich, aufgrund ihrer schwerwiegenden historischen Vorbelastungen, ohnehin mit Israel-Kritik zurückhalten und dafür ernsthaft ihre Beziehung zum Judentum aufarbeiten.
    Und es gäbe im Übrigen immer auch über sehr erfreuliche Ereignisse in Israel zu berichten, an welchen Muslime und Juden gemeinsam Anteil heben. Derartiges bildet hier in Europa jedoch kaum jemals ein Thema.

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Walter Ludin

Walter Ludin, Kapuziner in Luzern. Redaktor des franziskanischen Jahrbuchs „Franziskuskalender“. Von 1992  bis 2018 Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite. Freier Journalist. Kirchenblogger seit 2005. Themen: Kommentare und Glossen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Predigtauszüge. Aphorismen. Buchbesprechungen.

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