Theorien zum Priestertum

15.08.2019 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Im Vorfeld der sogenannten Amazonas-Synode herrscht eine gewisse Aufregung im Netz. Entstanden ist diese wohl durch Erwartungen, die vor allem diesseits des Ozeans (exakter in Westeuropa) im Blick auf allfällige (mehr utopisch erhoffte denn rational begründbare) Beschlüsse dieser Synode zur Frage der Ämter in der katholischen Kirche geschürt und – logischerweise – auf der konservativen Gegenseite auch schon voreilig kommentiert und widerlegt wurden. Ich staune ja über den Eifer, den beide Seiten da an den Tag legen und empfinde ihn als absurd. Warum, das möchte ich hier in einigen Gedankenschritten darlegen.

ad 1) Die Situation des katholisch-kirchlichen «Personals», sei es nun geweiht oder nicht, weltweit ist nicht im Geringsten diejenige der materiell privilegierten deutschsprachigen Gebiete nördlich der Alpen. Wir brauchen in der Schweiz nur gerade über die Alpen zu gehen und sehen in den Tälern der Diözese Lugano, dass dort bis auf die Priester alle Menschen in den Pfarreien (Mesmer, Sekretärinnen) ehrenamtlich arbeiten, und dass zudem die Basislöhne der Priester (die durch Unterricht noch aufgestockt werden können) so niedrig sind, dass sie mit Unterstützungen aus dem Ausgleichsfonds der Diözese und aus einem gleichen freiwilligen aus der Deutschschweiz (sic) auf ein akzeptables Existenzminimum angehoben werden müssen. In Diözesen in Mittel- und Südamerika dürfte dies noch deutlich krasser ausfallen.

ad 2) Wer nun über eine Aufhebung des Pflichtzölibats und die Weihe von Familienvätern diskutiert, geht wohl naiverweise vom «deutschen Modell» mit edlen Löhnen (an die SFr 8’000 pro Monat nach genügend Dienstjahren) aus. Nur so lässt sich das Leben einer ganzen Familie aufgrund der Berufstätigkeit eines/r Seelsorgers/in gewährleisten. Brutale Wahrheit dürfte aber sein, dass eine «arme» und vom Staat völlig unabhängige Kirche dies niemals gewährleisten könnte. Wenn also von «viri probati» gesprochen wird, dann wohl vor einem nichteuropäischen Hintergrund, der dann voraussetzt, dass diese «viri» einen Erstberuf haben, mit dem sie ihre Familien unterhalten können. Der «Königsweg» des Pastoralassistenten, der zum Priester geweiht werden kann, ist sicher nicht das Ziel allfälliger Synoden-Überlegungen.

ad 3) Umgekehrt ist es dann aber theologisch unfassbar (und eine üble religiös-biblische Häresie in den konservativen Kreisen), das Priestertum für alle Zeiten und Generationen (so meinte es doch JP II?) an irgendwelche edle dogmatische und kirchenrechtliche Definitionen und Vorgaben der Zeit nach der Konstantinischen Wende, die samt und sonders – sprachlich, kulturell, ethisch, logisch – zeitgebunden sind, zu binden, und damit Fortschritt mit der sprachphilosophisch idiotischen Aussage, dass es eben keine substanzielle Änderung eines irgendwann definierten status quo geben könne, zu verhindern.

ad 4) Nun aber: Der Gründer unserer Religion – aufgrund des neutestamentlichen Befundes und nicht aufgrund späterer dogmatischer Deutungen und Vermutungen – würde heute ganz sicher Frauen und Männer, Ledige und Verheiratete, aufgrund ihrerer charakterlichen und spirituellen Eignung ohne jede Rücksicht auf Paragraphen und Gesetze irgendwelcher Vorväter zu «Königen, Priestern und Propheten» erwählen und zu einem Amt in seinem Jüngerkreis beauftragen. Wer sich störrisch in die Vergangenheit blickend auf die bewussten Paragraphen und Gesetze berufen würde, riskierte, von ihm mit einem seiner berüchtigten «Weh ihr …» bedient zu werden!

 

 

 

Kommentare

  • Karl stadler says:

    Aber Herr Angehrn, verhielt es sich denn vor der konstantinischen Wende anders? Ich bin keineswegs ein Verfechter eines ausschliesslich männlichen Priestertums! Aber die Zuordnung von JP II zu einer Strömung häretischer Geisteshaltung, erscheint, mir als Laien, nicht ganz angemessen, bezeichnend ein wenig für die Art, wie heute unter der Theologenzunft strittige Fragen ausgefochten werden.
    Auf den Nazarener, den Religionsgründer, sich zu berufen, ist in diesem Zusammenhang doch ein heikles Unterfangen, selbst wenn sich das gesamte NT auf ihn beruft. Gerade er, der nicht müde wurde, manchen jüdischen Strömungen eine verhärtete, menschenfeindliche legalistische Haltung vorzuwerfen, z.B. den Pharisäern, derart, dass sich noch heutige Theologen darauf beziehen, fiel jedenfalls, was das weibliche Priestertum betrifft, nicht durch eine besondere Offenheit auf, wahrscheinlich auch bezogen auf die damaligen Verhältnisse nicht. Allein der Umstand, dass es unter seiner Gefolgschaft auch weibliche Personen gab, hilft da kaum weiter und wird wahrscheinlich im Kontext heutiger Lesearten überbewertet. Tatsache ist doch, dass das weibliche Priestertum im antiken Nahen Osten keineswegs fremd war, sowohl im alten Ägypten als auch im Zweistromland oder bei den Hethitern nicht. Und auch in den römischen Kulten kamen damals, zur Zeit Christi, weibliche Priesterinnen sehr wohl vor, denken wir nur an den Kult der Vestalinnen.
    Jesus hingegen kannte sehr wohl in seinem Gefolge auch Frauen, die er gewiss auch hoch achtete. Aber dass er diesen eigentliche kultische Aufgaben, priesterliche Funktionen übertragen hätte, wäre, mir als Laien, nicht bekannt. Vielleicht war er eben gerade selber teilweise ein durch und durch gesetzestreuer jüdischer Prediger geblieben? Auch das Gottesbild, das er damals vermittelte, war doch ausschliesslich männlich geprägt, was eigentlich, vergleicht man es mit Religionen ausserhalb des Judentums, bereits damals eher befremdend wirken musste.

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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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