Fliegen ist zu billig. © Walter Ludin 2017
Fliegen ist zu billig. © Walter Ludin 2017

Hintergründe zur Energie-Politik

05.01.2019 – ein Blogbeitrag von Walter Ludin

Kernschmelze in der Schweiz
Erinnern Sie sich: Vor ziemlich genau 50 Jahren kam es im Waadtländer Dorf Lucens zu einem gravierenden Unfall: Im Atomreaktor passierte am 21. Januar 1969 eine Kernschmelze. Fachleute sprechen heute von einem «schweren Unfall», der heute auf der entsprechenden Skala als Stufe 5 von 7 Stufen aufgeführt wird (gleich wie Harrisburg/USA, 1979!!!).  Also fast ein Super-GAU. Die Schweizer Behörden aber sprachen von einem harmlosen «Zwischenfall». Also blieb er kaum in der Erinnerung hängen …

Zaudern der Schweiz zum UNO-Atomwaffenverbot
Aber daran erinnert man sich sicher noch: Die Schweiz stimmte im Juli 2017 dem Atomwaffenverbot zu, zusammen mit 121 weitern Staaten. Dass es so weit kam, war weitgehend ein Verdienst der NGO «Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen/ICAN). Obwohl die Schweiz unterzeichnet hat, weigert sich nun der Bundesragt, den Vertrag zu ratifizieren. Nun ist zu hoffen, dass ihm der Nationalrat Beine macht. Ein Ratsmitglied bezeichnete die Haltung des Bundesrates als «Schande» …

Welches ist die günstige Energie?
Die Solar-Energie! So steht es im neuesten Heft der Schweizerischen Energiestiftung/SES. Trotzdem: Die Schweizer Politik verschlechtert die Bedingungen für diese billige und umweltfreundliche Energie. Ihr Ausbau ist darum blockiert. Auch dies eine Schande …

Fliegen ist zu günstig
Auch die Bemühungen um «Kostenwahrheit» im Flugverkehr werden von der Politik blockiert. Der Nationalrat hat kürzlich den Antrag einer Flugticket-Abgabe abgelehnt. Ein Grund: Sonst würden Schweizer zu den Flughäfen im nahen Ausland ausweichen. Was die damit argumentierenden Damen und Herren verschwiegen haben: Unsere Nachbarländer haben bereits eine solche Abgabe. Die Wahrheit ist offenbar flexibel …

Weitere Infos zu den behandelten Themen: www.energiestiftung.ch


Themenbezogene Interessen: Unter diesem Stichwort steht bei www.infosperber.ch unter jedem Artikel ein Hinweis auf persönliche Verflechtungen des Autors mit dem Thema. So füge ich hier an: Aufgrund meiner bereits zahlreichen Blog-Beiträge über Energie wurde ich von der Schweizerischen Energiestiftung/SES zum «Ehrenmitglied» ernannt. Eine unverdiente Ehrung …

Kommentare

  • Karl Stadler says:

    Walter, da kann ich Ihnen grundsätzlich überhaupt nicht widersprechen. Ganz klar, die Nuklearenergie, die grundsätzlich im Hinblick auf den CO2-Ausstoss eine saubere Energie wäre, birgt anderseits Gefahren, für die niemand eine Garantie übernehmen kann, dass sie nicht einmal völlig ausser Kontrolle geraten, sodass deren Folgen für sehr viele Generationen nach uns eine riesige Belastung darstellen würden. Was ich in meinem Kommentar einfach sagen wollte: Ich bin zwar nicht Wissenschafter. Aber ich könnte mir vorstellen, dass während den letzen fünf Jahrzehnten die gewaltigen Mengen an Energie, die auf Nuklearbasis gewonnen wurden, vermutlich einen noch ganz erheblichen zusätzlichen Schub für den globalen Erwärmungsprozess darstellen würden, wenn dies auf fossiler Basis geschehen wäre. In den sechziger Jahren war man sich der Gefahren, die auch in der zivilen Nutzung von Kernenergie schlummern, wahrscheinlich gar noch nicht so richtig bewusst.
    Dass wir aus der Nuklearenergie so bald als möglich aussteigen müssen, da bin ich mit Ihnen völlig einig. Aber aufrund der jetzigen Energieproduktionsstruktur, der wir derzeit nun einmal unterliegen, wäre die Einhaltung der durch die Ausstiegs-Initiative verlangten Frist kaum möglich gewesen, ohne Kohle- und Atomstrom in riesigen Mengen zu importieren. Meiner Ansicht nach wäre das auf eine “Kirchturm-Politik” hinausgelaufen. Wenn ich richtig orientiert bin, beläuft sich der derzeitige Anteil der produzierten Kernenergie der fünf Kraftwerke um die 40% am schweizerischen Stromverbrauch. Diesen Anteil innert der verlangten Frist auf saubere Art zu subsituieren kann ich mir fast nicht vorstellen.
    Man darf sich nicht täuschen. Unsere Photovoltaik- und Kollektorenanlage haben beispielsweise heute bei dieser Witterung praktisch keine Energie geliefert. Wir mussten praktisch alles aus dem Netz beziehen. Samt Heizung (Erdwärmepumpe), Warmwasseraufbereitung, Kochen etc. beläuft sich dies auf gut 30 kw. Selbst wenn die Bilanz am Stichtag (30.März) neutral ausfallen sollte, womit ich rechne, d.h., dass wir über das Jahr gesehen ebensoviel Sonnenenergie ins Netz einspeisen als wir daraus beziehen, gibt es halt doch im Winter immer Wetterlagen und Temperaturverhältnisse, wo der Bezug aus dem Netz relativ hoch ausfällt. Mit Sonnenenergie allein wird sich bei Klimaverhältnissen wie in der CH der Anteil an Solar-Strom bei gezielter Förderung zwar erheblich erhöhen lassen, sofern wir unsereren Bedarf an Strom nicht stetig steigern. Aber es wird wahrscheinlich am Gesamtbedarf an Strom immer ein relativ kleiner Anteil bleiben. Man vergleiche nur mit Deutschland, wo die Fördererung von Solarenergie in den letzten Jahren viel konsequenter als in der CH erfolgte und der Anteil an Solarstrom am Gesamtverbrauch immer noch nur um die 6% herumpendelt. Man stelle sich das einmal vor!
    Es wird nicht leicht sein, aber wir müssen dringend von unserem sehr hohen Niveau an Energieverbrauch (vor allem in fossilen Bereich) herunterkommen, und das bedeutet teilweise wahrscheinlich etwas weniger Wohlstand, Luxus, dafür mehr Mass. Sind wir doch ehrlich: Als Kinder vor sechzig Jahren ging es uns doch eigentlich glänzend, trotz einer Energiebilanz, die auf viel tieferem Niveau lag!

  • ludin says:

    Danke, lieber Kari. Viel Bedenkenswertes. Aber eins fehlt: Wir können wir es verantworten, atomare Abfälle zu produzieren, die auch nach Hunderttausenden von Jahren giftig sind???

  • Karl Stadler says:

    Dennoch, trotz den schrecklichen Gefahren der Kernenergie ist es nur schwer vorstellbar, dass das Ziel der Ausstiegs-Initiative bis zum Jahre 2030 eine auch nur im Ansatz realistische Lösung geboten hätte. Sie diente der Bewusstseinsschärfung, nach meiner Ansicht ein äusserst wertvoller Beitrag. Aber sachlich wäre die Substitution nicht zu bewerkstelligen gewesen ausser durch den Import von riesigen Mengen an Atom- und Kohlestrom.
    Und vielleicht gälte es auch zu bedenken, dass wenn die gesamte Energie, die weltweit in den letzten fünf Jahrzehnten aus Atomstrom gewonnen wurde, durch fossile Träger bereitgestellt worden wäre, es um die Klima-Erwärmung wahrscheinlich noch schlimmer bestellt wäre.
    Sie erwähnen die Sonnenenergie, eine tolle Sache, die unbedingt gefördet werden sollte. Aber sie wird bei weitem nicht ausreichen, unseren Energiebedarf derart zu stillen, dass der Prozess der Erwärmung innert nützlicher Frist in gebotenem Ausmass abgebremst werden kann, solange wir weiterhin an unserem Credo von Wirtschaftswachstum, Wohlstandsmehrung und rasantem Weltbevölkerungszuwachs festhalten. Da hat der Club of Rome wahrscheinlich sehr wohl recht.
    Aber wie solche Zielsetzungen erfüllen, ohne dass es nicht weltweit zu äusserst gefährlichen Verwerfungen kommt, zu denen es allerdings auch kommen könnte, wenn sich nichts ändert? Wie die Wirtschaft organisieren, ohne dass es auf den Strassen täglich zu riesigen Pendlerströmen kommt? Der ÖV wird ja bekanntlich bereits ausgiebig benutzt! Wie die Menschen dazu bewegen, sich nicht in den Ferien den Ranzen unter einem Palmenstrand oder auf einer Kreuzfahrt bräunen zu lassen oder ausgefallene Kulturreisen zu unternehmen, die ebenso problematisch sind? Wie die Chinesen, die es endlich verdientermassen zu ein wenig Wohlstand gebracht haben, überzeugen, sich nicht in den Westen auf Shopping-Touren zu begeben? Wie die Wirtschaft organisieren, dass sie nicht auf eine Wegwerf-Gesellschaft angewiesen ist?
    Wie will man eine Trendänderung in einer Demokratie durchsetzen, wo Partikularinteressen notgedrungen zum Tragen kommen? Selbst wenn niemand in die Steinzeit zurück möchte, nur schon die Forderung nach sachtem Korrigieren des Wohlstandsniveaus im Sinne einer kleinen Absenkung wäre doch schlichtwegs politischer Selbstmord. Und dies, obwohl wahrscheinlich eine diesbezügliche Trendwende keineswegs zwingend eine Minderung an persönlichem Glücksempfinden bedeuten müsste.
    Anderseits führte wahrscheinlich eine “Diktatur der Weltverbesserung” geradewegs in die Hölle. Es scheint im Verlaufe der Geschichte kein einziges solches Experiment gegeben zu haben, das letztlich nicht eine Potenzierung von Elend und Schrecken bedeutet hätte.

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Walter Ludin

Walter Ludin, Kapuziner in Luzern. Redaktor des franziskanischen Jahrbuchs „Franziskuskalender“. Von 1992  bis 2018 Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite. Freier Journalist. Kirchenblogger seit 2005. Themen: Kommentare und Glossen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Predigtauszüge. Aphorismen. Buchbesprechungen.

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