«Heidnische» Tempelruinen in Gortys/Kreta – wo Zeus sich mit Europa vergnügte ... © Walter Ludin
«Heidnische» Tempelruinen in Gortys/Kreta – wo Zeus sich mit Europa vergnügte ... © Walter Ludin

Heidnisches

07.10.2018 – ein Blogbeitrag von Walter Ludin

Europa hat nicht nur christliche Wurzeln

Das «christliche Abendland» wird derzeit vor allem im Osten Deutschlands brüllend beschworen – als Kampfbegriff gegen den Islam. Doch: Europas Wurzeln sind längst nicht bloss christlich. Dies betonte schon 1988 der protestantische Theologe J.-F. Collange vor dem europäischen Parlament in Strassburg. Es lohnt sich gerade heutzutage, sich daran zu erinnern.

«Die europäische Kultur verdankt sich ebenso der griechischen – und damit heidnischen! – Demokratie und Philosophie; dem römischen -heidnischen! – Rechts- und Staatswesen. Und was ist mit den Beiträgen vom Islam? Und dem seit der Renaissance in Erscheinung getretenen säkularisierten Geist.»

Kommentare

  • ludin says:

    Ergänzung/Seitenblick
    Ist es euch schon aufgefallen: Die offizielle Bezeichnung für die Schweiz “Confoederatio Helvetica”, abgekürzt CH (auf jedem Auto und in unsern Internetadressen) sowie unsere Nationalfigur Helvetia beziehen sich auf ein Volk, das vor Jahrtausenden aus unserer Gegend abhauen wollte und von Caesar gezwungen wurde, wieder nach Hause zu gehen.
    Sicher, nicht bloss Helvetier sind unserer Vorfahren. Es kamen immer und immer wieder Migranten zu uns, z.B. eine gewisse Familie Blocher ….

  • Stephan Schmid-Keiser says:

    Was die europäische Geistesgeschichte und die Rolle besonders des Aristoteles betrifft, gerate ich ins Staunen, wenn ich deren ‘Aufarbeitung’ in verschiedensten Teilen der Welt nachvollziehe. Darauf aufmerksam machte der Philosoph Giovanni Ventimiglia mit seiner Antrittsvorlesung an der Universität Luzern vom 9. Mai 2017 – vgl. gekürzte Version in: SKZ 184 (2017) 400-402. Darin schilderte er überzeugend und mit viel Humor, welche Wege die Metaphysik seit vorchristlicher Zeit genommen hat. Von Athen, wo die Metaphysik durch Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. ins Leben gerufen wurde – über Bagdad, wo der Islam die Metaphysik vor dem Vergessen bewahrte – über Palermo, wo der Schotte Duns Scotus Aristoteles ins Lateinische übersetzte – nach Neapel, wo Thomas von Aquin Aristoteles studierte – bis heute in Melbourne, wo Aristoteles auf Englisch studiert wird. Und schliesslich bemerkenswert zur Ontologie: “Das Wort ‘Ontologie’ tauchte erstmals 1606 in der Schweiz auf, in einem Lehrbuch von Jacob Lorhard, Rektor des reformierten Gymnasiums in St. Gallen. Nun ist es gerade die Metaphysik als Ontologie – als die Wissenschaft alles dessen, was überhaupt existiert – die heute eine unerwartete weltweite Renaissance erlebt. Es ist also heute sicher, dass die Wiege der Metaphysik als Ontologie die Schweiz war. Aristoteles sprach in gewisser Weise Schwiizerlatein…” Giovanni Ventimiglia erläuterte zudem, dass auch in den Archiven von Luzern sehr interessante Texte über die Metaphysik aus dem 17. und 18. Jahrhundert entdeckt worden seien. Man studierte Metaphysik, Ontologie. “Man studierte die Analogie des Seienden, d. h. die These, der zufolge das Sein auf vielfache Weise ausgesagt wird.” Vereinfachend gesagt: Europa lebt seit Urzeiten von der Vielfalt philosophischer und religiöser Strömungen.

  • Karl Stadler says:

    Sehr schön haben Sie das formuliert! Zweifelsohne ist die europäische-abendländische Kultur ohne griechisch-römische Geistesgeschichte nicht vorstellbar. Griechische Philosophie und römische Rechtskultur bilden tragende Pfeiler für die Entwicklung der europäischen Geistesgeschichte. Und die ideengeschitlichen Wurzeln für Menschenrechte und Kosmopolitismus liegen denn auch weiter zurück als die Anfänge des Christenums, so in der griechischen Antike, nicht zuletzt bei Chrysipp, einem Vertreter der frühen Stoa, aber auch in der mittleren und späten Stoa bei Seneca oder bei Mark Aurel. Dennoch: Auch ein Mark Aurel verbrachte einen nicht unwesentlichen Teil seiner Regierungszeit mit der militärischen Grenzsicherung des Reiches.

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Walter Ludin

Walter Ludin, Kapuziner in Luzern. Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite und des franziskanischen Jahrbuchs „Franziskuskalender“. Freier Journalist. Kirchenblogger seit 2005. Themen: Kommentare und Glossen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Predigtauszüge. Aphorismen. Buchbesprechungen.

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