Der Brief an die Berner vom 4. Dezember 1481, das politische Vermächtnis des Ranfteremiten. Der Brief wird heute im Staatsarchiv in Solothurn aufbewahrt.
Der Brief an die Berner vom 4. Dezember 1481, das politische Vermächtnis des Ranfteremiten. Der Brief wird heute im Staatsarchiv in Solothurn aufbewahrt.

Gehorsam im Politischen

13.11.2017 – ein Blogbeitrag von Bruder Klaus und Gefährten

«Darum sollt ihr schauen, dass ihr einander gehorsam seid.» Wenn Bruder Klaus in seinem Brief an die Berner Ratsherren zum gegenseitigen Gehorsam mahnt, gibt er seinen Lesern damit zu fassen, was der Kern seiner Botschaft an die Delegierten der Tagsatzung von Stans war. Im Bernerbrief deckt er selber auf, was er seinen Landsleuten mit dem Stanser Verkommnis für alle Zeiten mitgeben wollte: Die Bereitschaft – nein, sogar der institutionell gesicherte Zwang, aufeinander zu hören.

Anders als andere Staaten ist die Schweiz weder eine Monarchie noch eine Republik. Sie nennt sich an ihrem Ursprung (was sich nicht einmal ins Französische ganz konzis übersetzen lässt) eine «Eidgenossenschaft». Sie lebt von einem fragilen Gleichgewicht unterschiedlich mächtiger Partner, die wiederum unterschiedlich kompetente Glieder zu einer mehr oder weniger handlungsfähigen Einheit zusammenbinden. Die Kantone und ihre Gemeinden haben je ihre Rechte und Pflichten, die den Bund mit einem kaum zu durchschauenden Geflecht von Entscheidungsprozessen stabilisieren. Daraus ergibt sich die Nötigung, auf sehr viele Mitbeteiligte zu hören, die in je wieder anderer Weise von den anstehenden Entscheidungen betroffen sind.

Kultur des gegenseitigen Gehorsams ist grundlegend für die Schweiz

Die Klage, dass dieses politische Beziehungsgeflecht allzu vielschichtig sei, ist mehr als verständlich. Es lässt sich kaum leugnen, dass gerade das unübersichtliche Verflochtensein am Ende dazu führt, dass die politische Macht verfilzt und verteigt, weil wichtige Entscheidungen nur noch beim Apéro oder am Familienfest fallen können – was wiederum dazu beiträgt, dass die Macht der professionellen Verwaltung immer noch weiter zunimmt. Denn die Vereinbarungen, die im kleinsten Kreis getroffenen werden, sind zu schmal begründet. Sie können sich gegenüber den Zwängen einer rationalen Verwaltung nicht behaupten. Die moderne politische Rationalität sichert ja vor allem, was der Wirtschaft dient, nämlich eine möglichst reibungslose Funktionalität.

Gegenüber diesem ökonomischen Interesse steht die Mahnung zum gegenseitigen Gehorsam tatsächlich schwach da. Und doch steht die Existenz der Schweizerischen Eidgenossenschaft nicht mit der aktuellen Parteipolitik auf dem Spiel, sondern mit der Kultur des gegenseitigen Gehorsams, die Bruder Klaus ihr mit auf ihren geschichtlichen Weg gegeben hat. Sie war und ist für die Existenz der Schweiz grundlegend.

Bernhard Rothen

Bernhard Rothen ist evangelischer Pfarrer in Hundwil und Präsident der Stiftung Bruder Klaus, die sich vor allem der Auseinandersetzung mit dem Brief an Bern widmet. www.stiftungbruderklaus.ch

 

Hinweise

Die Stiftung Bruder Klaus hat im Rahmen des Gedenkjahres zahlreiche Aktivitäten realisiert, darunter auch drei kurze Videos in drei Sprachen zu grundlegenden Themen im Zusammenhang mit Niklaus von Flüe: www.stiftungbruderklaus.ch/videos

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Bruder Klaus und Gefährten

Der Bruderklausblog wird von einer dreiköpfigen Redaktion in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Medienzentrum Zürich getragen. Die Redaktion besteht aus Urban Fink-Wagner, Geschäftsführer der Inländischen Mission, Roland Gröbli, Vorstandsmitglied und Präsident des Wissenschaftlichen Beirats des Trägervereins 600 Jahre Niklaus von Flüe, und Peter Spichtig op, Ko-Leiter des Liturgischen Instituts der deutschsprachigen Schweiz. Als Mitarbeitende konnten zahlreiche Historikerinnen und Historiker, Theologen und Theologinnen sowie weitere Spezialistinnen und Spezialisten aus der Schweiz und dem Ausland gewonnen werden. Diese werden unter dem Link Autorinnen/Autoren näher vorgestellt.

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