Es gibt keinen säkularen Islam

27.07.2019 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Viel polemischer Unfug wird von der politischen Rechten aller westeuropäischen Länder produziert, wenn es um das Reizthema Islam geht. Der/die Wähler/in wird mit billigen Klischees bedient: Das Abendland geht unter, Allahs Armeen marschieren.
Ebenso polemisch verwedelt und kaschiert umgekehrt eine pseudoliberale Haltung, die uns bei Parteien links der Mitte entgegen tritt, einen objektiven Umgang mit dem Islam. Das Motto lautet dann: Wir sind doch alle Kinder des einen Gottes, also seid lieb zueinander.
Wirklich?

Beginnen wir deshalb wieder mal beim Alten aus Königsberg. Was lehrt er uns in der Frage der Beurteilung einer konkreten Religion, ihrer «Menschheits-Kompatibilität»? Dies: Kann die (moralisch-ethische) Lehre eines Religionsgründers, wie sie in den heiligen Schriften einer Religion dokumentiert wird, Maxime sein, die sowohl ein allgemeines Gesetz als auch dessen konkrete Ausformungen für alle Menschen und ergo Religionsgemeinschaften begründet? Wenn Ja, dann ist diese Lehre hilfreich für das Überleben von Menschheit und Schöpfung, wenn Nein, ist sie per se schädlich und sollte gemieden werden.

Wenden wir auch noch die Küng’sche Trias grob zusammengefasst an: Kein Frieden unter den Völkern ohne Grundlagenforschung in den einzelnen Religonen. Zu was für Ergebnissen kommt nun diese Grundlagenforschung?

Einschub: Es geht bei der nun anstehenden Beurteilung der Religionen nicht:

a) um konkrete Ausformungen, die diese irgendwann gehabt haben oder noch haben inkl. historisch datierbare Fehlleistungen
[denn dann würde keine einzige genügen, vgl. etwa Nordirland, Indien, Myanmar, Balkan, Israel oder auch Ludwig Kardinal Müller]

b) um die die heiligen Schriften des Religionsgründers ergänzenden Texte (wie etwa den Codex im Katholizismus)
[jeder hat schon zeitgebunden grosses Unrecht damit bewirkt]

sondern um die pure Frage,ob die Lehre des Gründers Maxime sein kann oder nicht.

Einen knallharten Befund legt nun in der NZZ vom 25.Juli (S.33) die deutsch-syrische, aus dem Islam ausgeschiedene Trainerin für interkulturelle Kompetenz Laila Mirzo vor: «Ein aufgeklärter Mensch kann sich von Mohammed nur distanzieren». Man vergleiche bitte ihre detaillierte Argumentation im Text selber, ich zitiere nur dies: «Bei all den Bemühungen wird man stets über Mohammed stolpern. Als Prophet und zentrale Figur des Islams gilt er in seinem Handeln als unfehlbar … Ich fordere daher wieder und wieder einen ‘sakralen Königsmord’ an der Figur des Propheten.»

Das ist der zentrale Unterschied zu Jesus von Nazareth. Ein seriöser neutestamentlicher Befund (auf Grundlage der historisch-kritischen Forschung, die sich auf die Synoptiker stützt und Paulus bereits als sekundär sieht) zeigt uns einen radikalen pazifistischen Endzeitprediger, der Armut nicht nur lehrt, sondern lebt, der bewusst mit gesellschaftlichen Normen bricht, der Frauen in seinem Jüngerkreis mitziehen lässt und – vor allem dies! – der das Wohl des konkreten Menschen in seinen Sorgen und in seinem Versagen über jegliches, auch über göttlich legitimiertes, Gesetz, stellt.

Conclusio: Die grässlichen Fehlleitungen, zu denen der Islam immer wieder und auch heute fähig ist, haben direkt mit dem Religionsgründer zu tun. Diejenigen des Christentums (zu denen ich stehe, gerne verweise ich nochmals auf den pensionierten Herrn Kardinal) nicht. Es gibt für liberale Christen/innen keinen Grund – in der Sprache von Frau Mirzo -, sich von Jesus zu distanzieren und ihre Religion zu verlassen. (PS: Für das Verlassen einer konkreten christliche Gemeinschaft hingegen wohl…)

 

 

 

 

 

 

Kommentare

  • Elisabeth Aeberli says:

    Es gibt auch kein säkulares Christentum – und die Christen glänzen nicht mit besseren Noten. “Christliches Ungarn”, “Christliches Polen” “Megakirchen in den USA. Die Frauen sind nicht nur im Islam die, die verlieren.

  • Karl Stadler says:

    Ich bin ja nicht Theologe, aber stimmt das vollunfänglich, was Sie hier sagen? “…Bei all den Bemühungen wird man stets über Mohammed stolpern, als Prophet und zentrale Figur des Islams gilt er in seinem Handeln als unfehlbar…”. Das mag ja alles zutreffen. Aber in diesem Zusammenhang sei einmal im NT an Joh. 14.6 erinnert. Diese Stelle jedenfalls wird zum Teil verschieden gelesen, auch von Theologen, die sich in der hermeneutischen Methode recht gut auskennen. Der Nazarener, auch wenn er gegen das damalige jüdische Establishment giftelte, selber aber nie politische Verantwortung vor dem Hintergrund des äusserst angespannten Verhältinisses zwischen Judentum und der römischen Besatzungsmacht unternahm, scheint nicht gerade eine Person gewesen zu sein, die auch nur im Ansatz an ihrer Unfehlbarkeit zweifelte. Oder erinnern wir uns an Paulus, der ja halbwegs als der eigentliche Begründer des Christentums gelten kann. Was sagte er z.B in 1 Kor 14.33b – 36 oder in Röm 1, 26/27?
    J.P. Sartre schrieb einmal sinngemäss, ich habe es nicht wörtlich im Kopf: Der Autor schreibt, um sich an die Freiheit der Leser zu wenden, und er beansprucht diese Freiheit, um sein Werk existieren zu lassen. Er beschränkt sich aber nicht darauf, sondern verlangt darüber hinaus, dass die Leser ihm das Vertrauen schenken, das er ihnen geschenkt hat, ihm vergelten, indem sie seine schöpferische Freiheit anerkennen und dass sie ihrerseits wieder diese Freiheit durch einen entsprechenden Appell für sich fordern. Das ist doch das Problem! Jedes Werk entwickelt ein geistiges Eigenleben, und ist, letztltich nicht mehr das Werk, welches der Autor geschaffen hat. Und gerade dieses Phänomen wird als “kulturelles Leben” gesehen!
    Das ist doch das Problem nicht nur bei literarischen Schöpfungen, sondern auch bei Religionen oder auch in der Philosphie. Warum wird denn auch gerade heute beispielsweise die berühmte Ringparabel von Lessing so verchieden gelesen und interpretiert, gerade auch im Kontext von Migration und Integration? Was “Aufklärung” wirklich bedeutet, scheint alles andere, nur nicht klar zu sein!
    Das Kommunistische Manifest, grundsätzlich ein wunderbares Werk, bedeutete für Lenin, Stalin oder Maodsedong gewiss nicht dasselbe wie für Marx und Engels! John Locke oder Adam Smith verstanden unter Liberalismus wahrscheinlich nicht in allen Teilen dasselbe wie Milton Friedman oder anderseits John Meynard Keynes.
    Und so wird es wahrscheinlich auch im Einflussbereich muslimischen Denkens sein. Jedenfalls hat der Islam wunderbare kulturelle Phasen vorzuweisen. Und in der Philosophie spielt die kuturelle Welt des Islams eine zentrale Rolle im Zusammenhang mit der teilweisen Rezipierung antiker Philosphie,insbesondere aristotelischen und neuplatonischen Gedankenguts. Das geistige Leben im Islam lässt sich wahrscheinlich keineswegs auf die Institutionen des saudischen Wahhabismus oder dieAnschauungen des iranischen Mullah-Regimes reduzieren. Immerhin scheint es zeigenössische islamische Religionsphilosophen zu geben, die sich von den Quellen nicht einfach distanzieren möchten, die sich jedoch mit den genau gleichen oder ähnlichen hermenuetischen Fragestellungen und Problemen politischer Philosophie beschäftigen wie Theologen im christlichen Kulturbereich. Ich kenne mich da zu wenig aus. Aber gehört habe ich schon von Namen wie Nasr Hamid Abu Zaid oder Ahmad Mil Karimi. Und sie werden kaum die einzigen sein.

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Heinz Angehrn
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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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