Maria von Schmerlenbach    © Walter Ludin
Maria von Schmerlenbach © Walter Ludin

Ein schwierige Marienfest

07.12.2018 – ein Blogbeitrag von Walter Ludin

Wir sind wie Maria auserwählt

Predigt zum 8. Dezember

Maria, die Mutter Jesu, wurde schon vor ihrer Geburt von der Erbsünde verschont. Man kann wohl sagen: Sie wurde schon damals von der Erbsünde erlöst.

Dieses Dogma feiern wir heute. Allerdings: Jeder Glaubenssatz muss sich auf die Bibel abstützen.  Doch davon finden wir im Neuen Testament nichts. Überhaupt: Unsere heiligen Schriften sind recht schweigsam, was Maria betrifft. Und haben Sie es gewusst: Im Koran, der heiligen Schrift des Islam, ist weit mehr von ihr zu lesen als in den Evangelien. Vielleicht sollte diese Tatsache uns zu denken geben, uns vorsichtiger machen im Urteilen oder im Ver-urteilen des muslimischen Glaubens.

Zurück zum heutigen Fest: Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis von Maria – oder wie man heute eher sagt – von ihrer Erwählung ist noch nicht sehr alt. Es stammt nicht aus urchristlicher Zeit, sondern aus dem 19. Jahrhundert, aus dem Jahr 1854. Das zweite sehr bekannte marianische Dogma ist noch um einiges jünger: jenes von der Himmelfahrt Marias wurde erst 1950 durch Papst Pius XII. verkündet, also von einem Papst, den die meisten von uns noch erlebt haben. Er starb ja erst 1958.

Auch dieses Dogma hat keine direkten biblischen Wurzeln. Aber beide fielen nicht einfach so vom Himmel. Ihnen ging eine sehr, sehr lange Diskussion voraus. Schon in den ersten christlichen Jahrhunderten wurde sehr lebhaft über sie diskutiert. Wir können nur staunen, wie intensiv des geschah. Ein Beispiel: Allein zwischen 1600 und 1800 veröffentlichten die Jesuiten über 300 Werke dazu, also eine ganze Bibliothek.

Nun, ich möchte nicht weiter über die Geschichte referieren. Wichtiger ist, uns zu fragen: Wie sinnvoll ist es, diese beiden Dogmen zu feiern, auch wenn nichts über sie direkt in der Bibel steht?

Die Theologen sind sich einig: Maria ist gemäss dieser definierten katholischen Lehre kein Einzelfall. Sie ist eher ein Prototyp. In der Industrie bedeutet dieser Ausdruck: Es wird zuerst ein einzelnes Modell hergestellt. Dieses dient dann als Vorgabe für alle weiteren Exemplare, die in die Produktion gehen.

Maria als Prototyp heisst demnach: Sie ist Vorbild wahrhaft menschlicher und christlicher Existenz. Anders ausgedrückt: Was mit ihr früh geschah, geschieht später mit uns allen.

Dies gilt für das Fest Maria Himmelfahrt: Wie Maria mit ihrer ganzen Persönlichkeit, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, so werden auch wir als gesamte Person von Gott in der Ewigkeit vollendet.

Und ähnlich mit dem Dogma «Maria Erwählung». Jeder Mensch wurde von Gott erwählt, von ihm ins Leben gerufen. Dafür gibt es viele biblische Zeugnisse. Denken wir zum Beispiel an Gottes Wort an den Propheten Jeremia: «Ich liebe dich mit ewiger Liebe. Deswegen ziehe ich dich in Liebe an mich.»

Oder noch deutlicher in der 1. Lesung aus dem Epheser-Brief, die sie vorhin gehört haben:

«In Jesus Christus hat Gott uns erwählt vor der Grundlegung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.
Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt,
seine Söhne und Töchter zu werden durch Jesus Christus
und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,
zum Lob seiner herrlichen Gnade.»

Ganz kurz zusammengefasst: Gott hat Maria schon vor Beginn ihres Lebens auserwählt. Ebenso hat er jeden/jede von aus auserwählt: Sie und mich, uns alle.

Und ebenso: Er hat uns allen eine bestimme Lebensaufgabe vorherbestimmt. Wie diese aussieht oder ausgesehen hat, müssen wir alle zu entdecken versuchen.

Und noch eine zweite Erkenntnis, die uns das heutige Fest schenkt. Sie betrifft die Befreiung Marias von der Erbsünde. Auch hier gilt: Maria ist ein Prototyp. Nicht nur sie wurde von der Sünde erlöst, sondern wir alle. Dies geht im christlichen Alltag oft vergessen, weil hier immer noch die Sünde im Vordergrund stand.  Dazu meinte der ehemalige Bischof von Würzburg, Paul Werner Scheele, die Gnade Gottes sei stärker als alles Schädliche. Er schrieb: «Nicht selten schien dabei das Reich des Bösen übermächtig am Werk, in der Welt und im Innersten des Menschen, während die Gottesherrschaft noch nicht in Sicht war.»

Darum wird der Apostel Paulus nicht müde, die Gläubigen aufzufordern: «Lasst uns als Erlöste leben.»  Die Zusage, dass wir «Erlöste» sind, ist die Verheissung: Wir müssen uns nicht mit dem bedenklichen Zustand der Erde abgeben. Sondern wir können in der Kraft des Geistes Gottes etwas tun, damit unsere Welt immer mehr zu einer Heimat für alle Menschen wird.

Ein Beispiel. Sie alle kennen den billigen Spruch: «Kriege hat es immer. Kriege wird es immer geben.» Wer so denkt, findet sich passiv mit dem Bösen in der Welt ab. Dies ist keine christliche Haltung. Denn nochmals: Wir sind erlöst und dürfen uns nicht abfinden mit der Unerlöstheit der Welt. Wir können etwas tun für den Frieden, sicher auch in unserer kleinen Welt. Darum: Tun wir es!

Elisabethenheim, Luzern, 7. Dezember 16.30; Stans Kloster St. Klara, 8. Dezember 9.30; Pflegeheim Nägeligasse, 10.40

Kommentare

  • Karl Stadler says:

    Hin oder her, wie weit oder ob überhaupt wir auserwählt sind. Die meisten durchschnittlichen Menschen werden wohl kaum vom Gefühl getragen, dass sie für etwas Besonderes auserwählt wurden. Sie alle wurden in dieses Leben gesetzt und haben dieses irgendwie zu bewältigen. Vorsicht im Urteilen über oder im Verurteilen von fremden Religionen wie z.B. dem Islam ist gewiss angebracht. Aber die Tatsache, dass Maria im Koran mehrmals erwähnt wird, sollte auch nicht zu blindem Vertrauen führen, nicht von einer kritischen Haltung, auch gegenüber dem Islam, ablenken.
    Was man heute abend auf Focus online lesen kann, macht wirklich hellhörig. Dort ist zu lesen, dass mittelfristig in Deutschland von den Ablegern der mächtigsten, globalen Islamisten-Bewegung, gemeint sind die Muslim-Brüder, eine grössere Gefahr für die Demokratie ausgehe, auch in Europa und Deutschland, als von Terror-Organisationen wie Al Kaida oder dem IS. Das äussert nicht etwa die AfD oder eine anderweitige islamophobe Bewegung, sondern der deutsche Staatschutz. Sorgen bereitet den Staatsschützern nicht nur die systematische Agitation, die offenbar betrieben wird, als vielmehr auch die flächendeckende Vernetzung mit sehr vielen islamischen Organisationen und auch die weite internationale Vernetzung ideologischer wie finanzieller Art. Das Ziel: Die Errichtung eines islamischen Gottesstaates auch in Deutschland. Die MB üben offenbar auch einen massgebenden Einfluss auf den Zentralrat der Muslime in Deutschland, deren Dachorganisation, aus. Nach aussen hin wird gemäss Staatsschützern eine weltoffene und tolerante Haltung bekundet, nach innen soll es völlilg anders aussehen, wurde doch von führenden Mitgliedern das Ziel ausgegeben, einen islamischen Staat zu gründen und zu den westlichen Werten Distanz zu halten.
    Ja, es bleibt für die einfachen Menschen wahrscheinlich nur die eine Möglichkeit: Zu versuchen, für sich selber nach Möglichkeit ein kritisches Denken zu bewahren – ein je länger je schwierigeres Unterfangen – den führenden Meinungsmachern in Politik, Kultur, Kirchen etc. zwar zuzuhören und diese auch ernst zu nehmen, aber auf keinen Fall deren Meinungen blindlings zu übernehmen. Und vor allem die jungen Menschen eindringlich vor religiösen Gebilden oder auch säkularen Bewegungen mit missionarischer und messianischer Stossrichtung zu warnen.

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Walter Ludin

Walter Ludin, Kapuziner in Luzern. Redaktor des franziskanischen Jahrbuchs „Franziskuskalender“. Von 1992  bis 2018 Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite. Freier Journalist. Kirchenblogger seit 2005. Themen: Kommentare und Glossen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Predigtauszüge. Aphorismen. Buchbesprechungen.

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