Foto | © Daniel.Kosch
Foto | © Daniel.Kosch

Ein biblisches Weihnachtsgeschenk zum neuen Jahr

01.01.2019 – ein Blogbeitrag von Daniel Kosch

In diesen Tagen ist mir – ich weiss nicht, warum – zu einem Vers aus dem «Benediktus» (Lk 1,68ff.) ein Licht aufgegangen. Erstmals ist mir bewusst geworden, dass es sich bei diesem Lobgesang des Zacharias, des Vaters von Johannes dem Täufer, um ein biblisches Weihnachtslied handelt. Es preist Gott dafür, dass er den verheissenen Retter erweckt hat:

Gott hat uns geschenkt,
dass wir, aus Feindeshand befreit,
ihm furchtlos dienen
in Heiligkeit und Gerechtigkeit
vor seinem Angesicht
all unsere Tage. (1,74f.)

Ein Geschenk, das aktive Mitwirkung erfordert

An diesem «Geschenk» gefällt mir, dass ich es einerseits unverdient erhalte und dass es mich anderseits zur aktiven Mitwirkung herausfordert. Schon als Kind mochte ich solche Geschenke: Ein Modellflugzeug, das erst noch zusammengebaut werden muss, ein Mikroskop, das erst spannend wird, wenn ich damit kleine Objekte untersuche, oder ein Buch, das ohne meine Lektüre toter Buchstabe bleibt.

Noch besser gefällt mir die Zusage, dass wir dank des «aufstrahlenden Lichts aus der Höhe», das «allen leuchtet, die in Finsternis sitzen» (1,79) «aus Feindeshand befreit» sind. Gewiss: Auch nach Weihnachten sind die Feinde, ist das Bedrohliche und Gefährliche nicht einfach überwunden. Aber sie haben ihre Definitionsmacht verloren. Wir haben die Möglichkeit, unsere ganze Existenz von diesem «Licht aus der Höhe» bestimmen zu lassen – und weder von den Mächten und Gewalten um uns noch von dem, was uns von innen her bedroht und bedrängt. Dass solche «innere Freiheit» selbst unter schwierigsten Verhältnissen errungen und bewahrt werden kann, ist mir bei der Lektüre der eindrücklichen «Texte aus dem Gefängnis» des türkischen Oppositionellen Ahmet Altan aufgegangen*. Er findet dafür – unter schrecklichen Haftbedingungen – folgende Formel

«Die Realität hat mich nicht packen können.
Ich habe die Realität gepackt.»

Dinge sagen, mit denen niemand rechnet

Zwar bleibt er den Anfechtungen der Verzweiflung, der Selbstaufgabe und des Wahnsinns ausgesetzt, aber es gelingt ihm, in seinem Innersten und durch eine bewusste Gestaltung seines Gefängnisalltags eine Freiheit und einen Lebensmut zu bewahren, der ihm die Kraft gibt, der Realität standzuhalten und mit seinen Aufzeichnungen aus der Haft die Hoffnung wachzuhalten, dass das türkische Unrechtsregime nicht das letzte Wort hat. Er beschreibt das so:

«Für alles, was in unserem Leben an bedrohlichen Situationen und gefährlichen Realitäten passieren kann, erwartet man von uns bestimmte Kommentare und Verhaltensweisen. Wenn wir uns diesen Schablonen widersetzen und Unerwartetes tun und sagen, sind es genau diese Realitäten, die aus dem Lot geraten und an den aufmüpfigen Wellenbrechern unseres Bewusstseins zerschellen. Und wir erhalten dadurch die Macht und das Vertrauen, uns aus den Trümmern dieser Realität eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Es kommt also darauf an, dieses unerwartete Verhalten zu zeigen und Dinge zu sagen, mit denen niemand rechnet.»

Die göttliche Alternative

Von dieser Erfahrung her lässt sich auch der Fortgang des biblischen Textes erschliessen: Menschen und Gemeinschaften, die sich an die Gewissheit halten und notfalls daran festklammern, dass das «aufstrahlende Licht» durch keine Finsternis und keinen Schatten des Todes ausgelöscht werden kann, können «furchtlos» handeln. Denn trotz äusserer Gefahr und innerer Bedrängnis wissen sie um einen Freiraum in ihrem Inneren, der ihnen hilft, ihre Unabhängigkeit zu wahren.

Mit der Charakterisierung dieses furchtlosen Handelns als Dienst in «Heiligkeit» und «Gerechtigkeit» greift der biblische Text auf zwei zentrale Kategorien biblischer Theologie zurück. «Heilig» bedeutet so viel wie «ausgesondert», d.h. nicht konform mit dem, was den üblichen Gang der Dinge bestimmt. «Heilig» ist, was nicht dem Mainstream entspricht, nach sondern an der «göttlichen Alternative» Mass nimmt. Und mit «gerecht» bezeichnet die Bibel die «göttliche Ordnung», die Leben schafft, die Freiheit eröffnet, die zur Solidarität anstiftet …

Und all dies geschieht «vor seinem Angesicht», im Vertrauen, dass der biblische Gott sich den Menschen und der Welt zuwendet, dass er ihr ein Gegenüber ist, dass unser Leben nicht unter der Herrschaft einer unpersönlichen Macht steht, sondern eines Gottes, der uns anschaut und anspricht – und für uns damit ein ansprechbares vis-à-vis ist.

Ein Wort ins neue Jahr

Für Ordensleute, Kleriker und für jene Laien, die das «Brevier», also das kirchliche Stundengebet beten, gehört das «Benediktus» zum täglichen Morgenlob, zur Laudes. Über jedem Tag steht also die Zusage und Zumutung, den eigenen Weg «furchtlos» zu gehen, «in Heiligkeit und Gerechtigkeit».

Die Lebenswelt, in der mich dieses Wort anspricht, ist weit weniger bedrohlich und gefährlich als jene, in der Ahmet Altan die Realität packen muss, um nicht von ihr gepackt zu werden. Und sie ist wohl auch bedeutend komfortabler als die Situation der jungen Kirche im römischen Imperium, die das weihnachtlich «aufstrahlende Licht aus der Höhe» in der Finsternis und im Schatten des Todes verkündete.

Aber Konformitätsdruck, die Versuchung, angesichts der «herrschenden Verhältnissen» oder der Sachzwänge zu kapitulieren, Resignation und Mutlosigkeit sind mir alles andere als fremd, gerade nach dem politisch wie kirchlich schwierigen Jahr 2018. Da kommt die Erinnerung, dass wir dank Jesu Kommen in die Welt «aus Feindeshand befreit» sind, gerade rechtzeitig. Sie ist für mich ein biblisches Weihnachtsgeschenk ins neue Jahr: Es spielt mir täglich aufs neue Chancen zu, dem biblischen Gott des Lebens und seiner alternativen Ordnung «furchtlos» zu dienen, wenn es mir gelingt, im Bewusstsein der an Weihnachten bereits geschenkten Freiheit zu leben.

 

*Ahmet Altan, Ich werde die Welt nie wiedersehen. Texte aus dem Gefängnis, Frankfurt 2018.

Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Feed

Daniel Kosch

Daniel Kosch ist Theologe und Kirchenmanager. Seit 2001 ist er als Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) in Zürich tätig. In dieser Funktion befasst er sich mit Fragen der Organisation und Finanzierung des kirchlichen Lebens und mit den Beziehungen zwischen Staat, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften. Im Zentrum dieses Blogs steht folgende Frage: Was heisst es, inmitten einer schrecklich zerrissenen Welt und in einer unübersichtlichen Religionslandschaft glaubwürdig Christ/in zu sein und kirchliches Leben mitzugestalten?

Im Blog von Daniel Kosch

Katholisches Medienzentrum