Generationen © pixabay
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Die Unhintergehbarkeit des Lebens

13.09.2018 – ein Blogbeitrag von Gian Rudin

Am Samstag findet zum wiederholten Mal der «Marsch fürs Läba» statt. Das Thema Abtreibung ist ein heisses Eisen, es wird emotional debattiert und die Problemlage ist hochkomplex. Was sicherlich festgehalten werden darf: Es besteht Gesprächsbedarf und die Thematik hat gesellschaftspolitische Relevanz. Der Marsch will ein Forum politischer Öffentlichkeit etablieren, um für das Post Abortion Syndrom zu sensibilisieren, so der Fokus der diesjährigen Veranstaltung. Zudem soll ein Raum geschaffen werden, in welchem den ungeborenen Föten und abgesogenen Embryonen im Sinne eines wohlwollenden Schweigens gedacht wird. Dass dieser Trauermarsch nun von Rechtspopulisten sabotiert wird, ist leider schon aus Sachsen bekannt. Die deutliche Distanzierung zur Gesinnung der Ultranationalen ist notwendig und nimmt ein wenig Wind aus den Segeln des sich über Bern anbrausenden Sturmes.  Wenn man den Wortlaut der Kundgebung ernstnimmt, geht es nicht um eine pauschale Abwertung und Dämonisierung von Frauen, die in die unangenehme Situation kommen, in der sich die Frage einer Fristenlösung aufdrängt, sondern um die Heiligkeit des Lebens an sich. Der sakrosankte Status des Lebendigen will mit aller Kraft verteidigt sein. Selbst wenn ein Kind in unvorteilhafte Konditionen hineingeboren wird, ist die Lanze über diesem Leben noch nicht gebrochen. Ein Plädoyer für die Hoffnung angesichts trister Zukunftsaussichten entspricht durchaus dem was man theologisch unter dem Stichwort «Kreuzestheologie» abhandelt. Was statistische Prognosen als potenziell lebensunwertes Leben ausweisen, könnte vielleicht durch solidarische Mitmenschlichkeit und solide soziale Institutionen transformiert werden. Für diese Zuversicht einzustehen, erachte ich nicht als einen faschistoiden Akt der Entmündigung und Entrechtung von Frauen seitens kleinkarierter Familienfundamentalisten.

Diffamierend gegen Hetzte hetzen

Dieser Eindruck entsteht jedoch, wenn man die Mobilmachungen zur Gegendemonstration studiert. Die Organisatoren bewegen sich demgemäss in einem europaweit aktiven Netzwerk von fundamentalistischen Antimodernisten und haben Allianzen mit rechtsradikalen Frauenhassern. Wie spielerisch und unpräzise hier mit dem Begriff des Rechtsextremismus hantiert wird, ist fahrlässig. Rechtsextremismus als Phänomen ist bedrohlich und verabscheuungswürdig und durch die Verwässerung der Begrifflichkeit banalisiert man neonazistische Gewalt. Inwiefern ist eine Frau, die den Mut zusammennimmt, um die lebensgeschichtlichen Ambivalenzen ihrer Abtreibung öffentlich zu thematisieren, gleichzusetzten mit lauthals fremdenfeindliche Parolen skandierenden und Molotov-Cocktails in Asylunterkünfte schleudernden Glatzköpfen, deren Kahlköpfigkeit meistens nicht erblich, sondern ideologisch bedingt ist? Man muss zugeben, die Ausrufung eines queerfeministischen Aktionsmonates tönt pluralismusaffin, bunt und tolerant. Und es kann sein, dass die Teilnehmer des Marsches fürs Läba einem heteronormativen Weltbild anhangen. Aber das ist eine eigenständige Thematik, und hier die LGBT-Keule zu schwingen und den Teilnehmenden pauschal Demokratieunfähigkeit zu attestieren ist deplatziert. Fiktives Szenario: Eine bodenständige, pietistisch geprägte Landwirtin aus dem Engstligental im Berner Oberland die den weiten Weg nach Bundesbern auf sich nimmt, um im Gebet die Marschierenden zu unterstützen ist dem Konzept der «Gender Fluidity» und der damit verbundenen androgynen Ästhetik gegenüber wahrscheinlich nicht gleichermassen aufgeschlossen, wie ein Instagram-Influencer*in, welche(r) neben Schminktipps für geschlechtsneutrale Avantgardisten auch im Bereich Krawattendesign Kapital akkumuliert. Sind solche Leute dermassen zu verurteilen, weil sie ihr bisheriges Leben in einigermassen starren Geschlechterrollen verbrachten haben, die machmalige Beschaulichkeit des Familienlebens schätzen und in ihrer Freizeit keine Musse haben, sich den theoretisch hochtrabenden Schriften von Judith Butler zuzuwenden? Auch wenn man über die Weltanschauung eines solchen Stereotyps geteilter Meinung sein darf, die Absicht ungeborenem Leben eine Stimme zu geben ist zu respektieren. Die aggressive Polemik linksautonomer Kreise ist beschämend und trägt leider nichts zu einer konstruktiven Diskussion rund um das Thema Abtreibung bei. Dass es hier nicht um aufrichtigen Dialog auf Augenhöhe über ein heikles, kontroverses Thema geht, sondern um dumpfe Skandalisierung Andersdenkender und ein bisschen schrilles Remmidemmi mit dem nötigen Schuss selbstinszenatorischer Gutmenschlichkeit, zeigt sich, wenn man bedenkt, dass die Gegendemonstranten aufgefordert werden, Pfannendeckel, Trillerpfeifen und sonstige Geräuschverursacher mitzubringen. Lärm anstatt Argumentation, Gekreische anstelle von Kommunikation und irgendwo in der Mitte thront der ausgestreckte Mittelfinger als Sinnbild gegen den vermeintlichen Phallozentrismus.

Das Leben: Die ursprünglichste Gegebenheit 

Abtreibung ist ein psychisch und physisch bedeutungsschweres Ereignis und gleicht in keiner Weise dem Gang zum Altkleiderentsorgungscontainer. Natürlich gibt es ein Recht der Frau auf ihren Körper, welches sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr gegen eine machoid geprägte Gesellschaftsstruktur durchzusetzen vermochte. Das gerechtfertigte Grundanliegen feministischer Opposition soll niemand in Frage stellen. Aber ein Uterus ist kein Portemonnaie. Und über ein potentiell aufkeimendes menschliches Leben Verfügungsgewalt zu haben, kann dieses zur Dinghaftigkeit degradieren. Die Verobjektivierungstendenz im Umgang mit Lebendigem ist problematisch. Der Mensch und seine Autonomie sind eingebunden in eine Generationenkette. Ich bestimme das Faktum meiner eigenen Geburt nicht selbstmächtig, sondern finde mich ungefragt im Leben vor. Das Leben geschieht an mir. Es ist die höchste Stufe der Passivität, deshalb spricht die Lebensphänomenologie im Gefolge des französischen Denkers Michel Henry von einer Ur-Passibilität. Der Menschen empfängt sein Leben und soll sich niemals zum Herr über das Leben erheben. Diese Haltung der Dankbarkeit und Ehrfurcht vor dem Leben geht in den denunzierenden Parolen radikalfeministischer Sprechchöre meist unter. Eine Frau sollte selbst bestimmen können, ob sie einen violetten Foulard tragen will. Eine Frau muss darüber bestimmen können, wer ihre Brüste berührt. Aber Fruchtbarkeit ist nicht monologisch, sondern dialogisch.

 

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Gian Rudin
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Gian Rudin

Gian Rudin hat in Luzern Theologie studiert und absolviert derzeit einen Master in Kulturwissenschaft. Diesem Profil entsprechend werden seine Blogeinträge auch diese beiden Bereiche miteinander ins Gespräch zu bringen versuchen. Dabei wird von Alltagsthemen oder kulturellen Aktualitäten eine theologische Tiefenhermeneutik zu ergründen versucht.

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