Solche Bergdörfer in Chiapas wurden von Pilatusmaschinen bombardiert.  © Walter Ludin 1995
Solche Bergdörfer in Chiapas wurden von Pilatusmaschinen bombardiert. © Walter Ludin 1995

Die Pilatus-Lügen

02.11.2018 – ein Blogbeitrag von Walter Ludin

Für wie blöd halten uns die Pilatus-Werke?

Zuerst das sehr Erfreuliche: Einen solchen Erfolg hatten wir – die Gegner der Waffenausfuhr – schon lange nicht mehr. Ende Oktober beschloss der Bundesrat, die Bestimmungen zur Ausfuhr von Kriegsmaterial nicht zu lockern, wie er im Juni geplant hatte. Konkret: Waffen sollen nun doch nicht in Bürgerkriegsländer ausgeführt werden. Wie der zuständige Bundesrat Schneider-Amman zähneknirschend zugeben musste, geschah es wegen des Drucks der «Medien». Er hätte auch sagen können, wegen der Proteste einer Allianz von fortschrittlichen Parteien, Hilfswerken, kirchlichen Kreisen usw. Nun zum Thema:

Pilatus-Flugzeuge (PC …)
In der Kritik standen u. a. die Stanser Pilatuswerke mit ihren Trainingsflugzeugen (PC 21), die sie an Saudi-Arabien geliefert hatten und immer noch für ihren Unterhalt zuständig sind. Alles halb so wild, meinte der Pilatus-Boss. Denn die Maschinen werden bestimmt nicht in Jemen eingesetzt: «Sie fliegen auf keinen Fall Einsätze. Nachdem die Piloten das Grundtraining auf einem Nicht-Pilatus-Fliegers absolviert haben, werden sie auf dem Turboprop PC-21 trainiert.»

Ich wage hinzuzufügen: «So gut ausgebildet, geht’s los nach Jemen!» Und ich frage mich: Für wie blöd halten uns die Verantwortlichen mit dieser Unschuldsbetreuung: «Mit dem PC-21 werden also null Einsätze oder bewaffnete Missionen geflogen.»

Ich staune: Diese Unschuldslogik wird kaum hinterfragt. Hat das Training für Bombenabwürfe auf die Zivilbevölkerung wirklich nix mit Krieg zu tun?

Bomben auf Bergdörfer
1995 war ich anlässlich des Aufstands der Zapatisten im mexikanischen Bundesland Chiapas mit einer ökumenischen Delegation vor Ort. Ein Mann erzählte uns: «Dort flogen Flugzeuge mit der Aufschrift Pilatus über die Dörfer und warfen Bomben ab.»

Schon Anfang der 1980er-Jahren geschah ähnliches im guatemaltekischen Bürgerkrieg. Weil ich kurz vorher dort war, bekam ich von verschiedenen Seiten eine ganze Beige von Dokumenten über die Vorfälle.

Pilatus wäscht die Hände in Unschuld
Die Pilatuswerke behaupteten ihre Unschuld noch und nöcher … So was sei unmöglich. Ihre damaligen PC-Flugzeuge eigneten sich überhaupt nicht für den Abwurf von Bomben. Es würden ihnen schlicht und einfach die Ausrüstung für den Transport von Bomben fehlen.

Alles erstunken und erlogen: Denn es wurden Inserate in internationalen Aviatik-Zeitschriften gefunden mit dem Versprechen: «Leichtflugzeuge können hart zuschlagen.» Und sie taten es, später auch im Tschad und wohl auch anderswo.

Eine persönliche Bemerkung
Vor etwa 30 Jahren schrieb ich dem damaligen Nidwaldner Volkswirtschaftsdirektor einen freundlichen, aber deutlichen Brief mit der Frage, wie er als christlicher Politiker mit Sitz im Pilatusverwaltungsrat den Export dieser Maschinen verantworten könne. Ich erhielt eine Einadung zum Gespräch in seiner Wohnung. Während seine Frau Kaffee servierte, meinte er, ich müsste ihm eigentlich dankbar sein, dass er meinen unflätigen Brief nicht meinem Provinzial weiterleite, der ein guter Freund von ihm war… (Ich hatte immer gedacht, verpetzen sei ein Kinderkram. Immerhin hatte er es unterlassen …)

Einige Tage nach dem Gespräch schickte er einen leitenden Mitarbeiter der Flugzeugwerke zu mir mit einem schönen Geschenk: einem grossen Wandkalender über die vielfältigen, unzweifelhaft äusserst nützlichen Einsätze der Pilatus-Porter. Schon als Gymnasiast in Stans hatte ich diese zivilen Maschinen bewundert. Nun aber ging es um die PC-Maschinen, die dem Training der Luftwaffen-Piloten in zahlreichen Ländern dienten– auch solchen, in denen Bürgerkrieg war.

Schon damals  fragte ich mich: Für wie blöd …

Kommentare

  • Troxler Martha says:

    Lieber Pater Ludin
    Danke für Ihr Engagement in Sachen “Pilatus-Flieger”. Eine wirklich problematische Sache, die ich auch mit grosser Besorgnis beobachte. – Der Wirtschaft willen wird viel an ethischen Werten geopfert, nicht nur beim Flugzeug, auch mit dem Palmöl, wie wir gestern hörten.
    NB. ein kleiner Hinweis – es sollte wohl geliefert und nicht geliert (2. Abschnitt) heissen.
    Einen lieben Gruss
    Martha Troxler

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Walter Ludin

Walter Ludin, Kapuziner in Luzern. Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite und des franziskanischen Jahrbuchs „Franziskuskalender“. Freier Journalist. Kirchenblogger seit 2005. Themen: Kommentare und Glossen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Predigtauszüge. Aphorismen. Buchbesprechungen.

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