Die Kirche und die Parteien

09.05.2018 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Nun denn: Ich stürze mich ins intellektuelle und ideologische Getümmel:

Ad 1) Es gab in der Vergangenheit und gibt wohl auch heute Situationen, in denen Kirchenobere gute und überzeugende Gründe haben, ihren Gläubigen abzuraten, die Stimme einer Partei zu geben, deren ideologische Grundlage nichts mit den Grundwerten des Christentums zu tun hat. Ich stelle mir etwa vor, dass es berechtigt gewesen wäre, hätten die deutschen Bischöfe Anfang der 30er Jahre gemahnt, nicht für die NSDAP zu stimmen. Bei der AfD unter den demokratischen Bedingungen des Rechtsstaates Deutschland hingegen (die Weimarer Republik war viel instabiler) schiene mir dies falsch und kontraproduktiv.

Ad 2) Hingegen scheint es mir sowohl logisch wie ethisch nicht möglich, ja unsinnig, den Gläubigen abzuraten, ihre Stimme einer staatstragenden Partei zu geben, die sich in der Geschichte eines Landes bewährt und zur Stabilität des Staates beigetragen hat. Dies gilt etwa für die Republikanische Partei in den USA, für die Labour Party in Grossbritannien, für die CSU in Bayern und eben auch für die SVP in der Schweiz. Die SVP ist entstanden aus dem Zusammenschluss der beiden Vorgängerparteien BGB und DP. Beide Parteien waren im Zusammenwachsen der Eidgenossenschaft wichtige und stabilisierende Pfeiler. Man beachte etwa, wie die BGB anfangs des 20.Jahrhunderts im Raum Zürich als neue Stimme der Bauernschaft und des Kleingewerbes gegen eine FDP, die immer von der Bankenwelt beherrscht wurde, entstand.
[Exkurs: Zum Fall der FPÖ in Österreich kann ich mich nicht äussern. Mir fehlt das Detailwissen, um gerecht zu urteilen.]

Ad 3) So bleibt nur übrig, dass Kirchenverantwortliche in konkreten Fällen abraten können, eine/n bestimmten Politiker einer dieser unter 2) genannten Parteien zu wählen oder einer Sachvorlage, die eine Partei zur Volksabstimmung bringt, nicht zuzustimmen. Bezogen auf die jüngere Schweizer Vergangenheit scheint es mir etwa möglich, dass man etwa damals Ulrich Schluer oder jetzt Andreas Glarner nannte/nennt. Aber man denke etwa an Leute wie den verstorbenen This Jenny oder auch Hannes Germann – die waren/sind sicher wählbar. Bei konkreten Sachvorlagen war/ist es einfacher: Für engagierte Christen/innen war/ist es nicht möglich, Initiativen zuzustimmen, die Menschenwürde und Menschenrechte einschränken.

Ad 4) Beim Menschenbild, von dem ich ausgehe, ist es schliesslich eigentlich unhaltbar, dass Kirchenobere ihren Mitgliedern so etwas überhaupt vorschreiben/verbieten können. Solch antikes Denken gehört meinetwegen nach Russland oder in die Türkei, aber nicht zu uns.

Kommentare

  • Karl Stadler says:

    Es werden ja immer wieder von berufener Seite Kriterien an uns herangetragen und vorgegeben, welche Haltungen und Überzeugungen, ethischer wie politisc her Natur, christlicher Wahrheit zu genügen vermögen. Eine solche Prüfung würde ich gewiss nicht bestehen.
    Jedoch erstaunt es immer wieder, wie schnell auf Werte, ethische Maximen, Menschenwürde oder echte Tradition, von welcher Seite auch immer, rekurriert wird, wenn es darum geht, im Kampf um den Mainstream die ideologische Konkurrenz in die Schranken zu weisen.
    Wenn man versucht, kurz innezuhalten, die je eigenen Jahrzehnte, welche die Moiren für uns bereithielten, zu überschauen, dann will sich der Eindruck aufdrängen, dass dieser von allen Seiten bemühte Wertekanon zumindest teilweise ausgewechselt wird wie das Hemd. Darüber vermag auch differenzierteste Hermeneutik nicht hinwegzutäuschen. “Mit der Zeit gehen” nennen es die einen, “sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren” bezeichnen es andere. Doch wenn man sich erinnernd vor Augen führt, mit welch apodiktischen Richtungsvorgaben bereits in der öffentlichen Sprachregelung damals den Menschen sanktionsgestützte Stigmata in Aussicht gestellt wurden, wenn man sich anschickte, in jugendlicher Unbotmässigkeit nicht konventionskonforme Lebensformen zu erkunden, und wenn man anderseits heute erlebt, dass bereits das Anbringen von Zweifeln an manchen aktuellen Entwicklungen in der derzeit gängigen Sprachregelung als diskriminierend, rückwärtsgewandt, menschenfeindlich und unwürdig, kurz als “populistisch” gebrandmarkt wird, drängen sich Fragen an der eigenen Orientierungsfähigkeit auf. Solche Wechselbäder lässt auch die Kirche in ihrem Anspruch auf Verkündung der Wahrheit ihren Schäfchen angedeihen.
    Trotz der Defizite an geistiger Beweglichkeit, an welche man täglich in Ermahnungen erinnert wird, drängt sich die Überzeugung auf, dass wir in den meisten Lebensbereichen mit dem rechtspositivistischen Grundsatz Vorlieb nehmen sollten: “Auctoritas, non veritas facit legem.”

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Heinz Angehrn
Feed

Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

Im Blog von Heinz Angehrn

Katholisches Medienzentrum