Betrachtungsbild, Original im Besitz der Pfarrei Sachseln. (© www.bruderklaus.com)
Betrachtungsbild, Original im Besitz der Pfarrei Sachseln. (© www.bruderklaus.com)

Die gemalte Theologie des Betrachtungsbildes

29.05.2017 – ein Blogbeitrag von Bruder Klaus und Gefährten

Mit Bruder Klaus untrennbar verbunden ist «sein» Betrachtungs- oder Meditationsbild. Dessen Verwandtschaft mit der einfachen Radskizze (siehe Blog vom 6. März 2017) ist deutlich, sodass man von einer ikonographisch und kompositorisch angereicherten und ausgemalten Version seines Radbildes sprechen könnte. Dieses hatte er als sein «Buch» bezeichnet, woraus er lese. Die nähere Beziehung des Temperabildes zu Bruder Klaus ist nicht mehr eindeutig festzustellen. Es war sicher in seinem Besitz, als er starb, und dürfte in den 1470er-Jahren gemalt worden sein. Von wem, wissen wir nicht. Es ist anzunehmen, dass die Ausmalung für Bruder Klaus angefertigt wurde, vermutlich aufgrund von Gesprächen mit ihm. Es diente ihm offenbar als Hilfe für Gebet und Betrachtung.

Von der Radskizze übernommen ist kompositorische Strenge des Aufbaus. Das Spiel von Kreisen und Speichen in quadratisch umgrenzter Fassung ist als archetypische Gegenstruktur zum Verlust der Mitte, zu Orientierungslosigkeit erfahrbar: das Bild tut gut, es mittet ein. Zudem verrät die ikonographische und formale Ausgestaltung eine erstaunlich komplette «theologische Summe».

In einer ersten Betrachtung soll hier der theologische Schlüssel vermittelt werden, der das Bild zu lesen hilft. Wir entdecken in ihm älteste Glaubenslehrtradition.

Theologie im engen Sinn ist im Kern dargestellt: Gottes Gegenwart im Antlitz und die Dreieinigkeit im dynamischen Spiel der Speichen.

Das heilsgeschichtliche Handeln Gottes in der Geschichte drücken die sechs Medaillons aus; «vom Beginn der Zeit (Schöpfung), von der Mitte der Zeit (Christusereignis: Verkündigung bis Verherrlichung) und von den sakramentalen Zeichen (Eucharistie)».

In den Accessoires der einzelnen Medaillons (Speis und Trank – Mantel – Krücken – Pilgerstab – Kette – Sarg) erkennen wir Symbole der Werke der Barmherzigkeit: die christliche Ethik, die Antwort des Menschen auf Gottes Handeln.

Gerahmt wird das Ganze durch die Evangelisten-Symbole, Hinweis auf die theologische Erkenntnislehre: das Evangelium ist das Licht des Glaubens, die Erkenntnis: «Jesus Christus ist von Gott zur Weisheit gemacht, zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung» (1 Kor 1.30).

Sind Niklaus’ Visionen als das Sprachspiel Gottes zu deuten, die er gewählt hat, um diesen zu erreichen, haben wir es hier mit einem reifen Kondensat eines langen Weges eines Gottsuchenden zu tun: gemalte Theologie vom Feinsten.

Fr. Peter Spichtig op

 

Literatur: Stirnimann (1981), 141–294, Zitat: 291.

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Der Bruderklausblog wird von einer dreiköpfigen Redaktion in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Medienzentrum Zürich getragen. Die Redaktion besteht aus Urban Fink-Wagner, Geschäftsführer der Inländischen Mission, Roland Gröbli, Vorstandsmitglied und Präsident des Wissenschaftlichen Beirats des Trägervereins 600 Jahre Niklaus von Flüe, und Peter Spichtig op, Ko-Leiter des Liturgischen Instituts der deutschsprachigen Schweiz. Als Mitarbeitende konnten zahlreiche Historikerinnen und Historiker, Theologen und Theologinnen sowie weitere Spezialistinnen und Spezialisten aus der Schweiz und dem Ausland gewonnen werden. Diese werden unter dem Link Autorinnen/Autoren näher vorgestellt.

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