«Nur wenn Gerechtigkeit herrscht ....» © Walter Ludin
«Nur wenn Gerechtigkeit herrscht ....» © Walter Ludin

Das Verheissene Land ist nicht «gratis»

16.09.2018 – ein Blogbeitrag von Walter Ludin

Biblisches Land – Anspruch der Gerechtigkeit
Im Sommer gab es heftige Angriffe gegen den berühmten deutschen Theologen Ulrich Duchrow wegen seinen Aussagen zu Israel. Es wurde ihm Antisemitismus vorgeworfen (auch in einem Kommentar zu einem meiner Blogs). Nachdem sich die Situation beruhigt hat, werfen wir einen nüchternen Blick auf seine Aussagen, die er im Gespräch mit Publik-Forum gemacht hat:

Prophetischer Anspruch
Angesprochen auf seine «theologische Kritik» an Israel meinte Duchrow: «Die Landverheissungen durch JHWH im Alten Testament sind verbunden mit dem Auftrag, Gottes Gerechtigkeit und Frieden in der Welt sichtbar zu machen. Darin besteht die Erwählung.» Die Autoren im 6. vorchristlichen Jh. hätten sich gefragt, warum das Volk ins Exil musste. «Weil es den Bund mit Gott gebrochen habe …Wenn man also das biblische Land beansprucht, muss dieser Anspruch verbunden werden mit dem biblischen Anspruch der Gerechtigkeit. So wie es die Propheten gefordert haben.»

Zwischenbemerkung:
Vor Jahren musste ich für ein kirchliches Gremium den Entwurf einer Erklärung zum Heilig-Land-Konflikt erarbeiten. Ich habe genau diesen Zusammenhang aufgezählt. Das Gremium lehnte ihn ab, weil er zu israel-freundlich empfunden wurde. Die verehrten Damen und Herren konnten nicht unterscheiden zwischen Anspruch und Wirklichkeit …

Mitschuld der Palästinenser?
Auf die Frage, wie weit die Palästinenser Mitschuld trügen an den gewaltsamen Auseinandersetzungen, sagte Ulrich Duchrow: «Es ist ein Unterschied, ob man mit Steinen wirft oder Präzisionswaffen einsetzt.»

Weitere Zwischenbemerkung:
Als ich während der ersten Intifada als Journalist recherchierte, wurde mir in einem Kindergarten (!!!) ein «Gummigeschoss» gezeigt, das die israelische Armee dorthin geschickt hatte. Ich setze «Gummigeschoss» in Anführungszeichen. Denn es bestand aus einer sehr dünnen Schicht aus Gummi, unter dem eine massive Metallkugel war

Duchrow fügte im Interview hinzu: «Im Prinzip ist es ein Kampf Steine gegen Maschinengewehre – wobei die Mehrheit für gewaltfreien Widerstand eintritt.

Keine Zukunft ohne Gerechtigkeit!
Duchrow erinnert daran, dass das Existenzrecht Israel durch Völkerrecht und UNO legitimiert ist. Aber: «Ich sage, dass ein System, das ausschliesslich auf Gewalt basiert, keine Zukunft hat. Die Gewalt nach aussen verroht und zerstört die Gesellschaft nach innen. Israelis und Palästinenser haben nur gemeinsam Zukunft und die muss auf Gerechtigkeit und Recht aufgebaut sein.»

 

 

Kommentare

  • Walter Ludin says:

    Man stelle sich vor: Hans Müller
    -überfällt eine Bank. Wird verurteilt
    -zettelt eine Schlägerei an. Wird verurteilt.
    -nochmals Versuch, eine Bank zu überfallen.
    Insgesamt zehn Verbrechen, zehn Veurteiteilungen.
    Würd ein Mensch mit gesundem Menschenverstand den Müller bedauern und den Richtern Willkür vorwerfen??
    Im Falle Israels tut dies aber ausgerechnet ein Schweizer Jurist. Er wirft der UNO vor, Israel immer wieder wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt zu haben. Na ja, immerhin, Kari scheint ein gewiefter Strafverteidiger zu sein. Diese müssen ja nicht “objektiv” argumentieren, sondern das Beste für die Schuldigen herausholfen

  • Karl Stadler says:

    Es ist im Grunde wirklich verrückt: Gerade liest man, dass ein palästinsicher Jugendlicher vor einem Einkaufzentrum, wo Palästinenser und Israelis einkaufen, am vergangenen Sonntag einmal mehr einen jüdischen Israeli, Vater von vier Kindern, aus heiterem Himmel ohne jeden Grund abgestochen und tödlich verletzt hat. Der palästinensische Dschihad und die Hamas jubeln inzwischen bereits. Ebenso konnte man lesen, dass die israelische Armee ihr Hilfsprogramm für Syrien nun beendet hat, weil aufgrund der derzeitigen Lage in Syrien an der Grenze auf dem Golan nun nicht mehr schwer verletzten Syrer zur Armee gebracht werden. Die Armee hatte tausende von Syrern (Kämpfer und Zivilisten), die schwer verletzt waren, an der Grenze aufgenommen, und sie in israelische Krankenhäuser gebracht, wo sie gesund gepflegt wurden. Natürlich in diesem Blog nie, aber auch wirklich nie, nur ein Wort über derartige Ereignisse. Nein, da schwafelt ein deutscher Theologieprofessor etwas und reduziert quasi die Gewalt im isralisch-palästinensichen Konflikt auf palästinensische Steinewerfer und israelische Präzisionswaffen oder man will den Konflikt einzig mit der israelischen Siedlungspolitik erklären. Immer wieder das gleiche Muster: Was nicht wahr sein darf, blendet man einfach aus. Und verkauft eine zurechtgestutzte Geschichte als die ganze Wahrheit hier auf kath.ch.
    Und immer wieder wird nur der Staat Israel als ein Übel, als eine Quelle von Ungerechtigkeit gebrandmakrt. Dies auch zu einer Zeit, wo in einer Entfernung von einigen hundert Kilometern mit grosser Wahrscheinlichkeit in Kürze ein weiteres riesiges Gemetzel in Syrien stattfinden wird!! Nie habe ich in diesem Blog auch nur ein Wort zum Syrienkonflikt gelesen, der innert sieben Jahren um ein Vielfaches mehr Opfer forderte als der arabisch-israelische Konflikt in siebzig Jahren.
    Nie auch nur eine kritische Überlegung auf kath.ch zum UNO-Menschenrechtsrat UNHCR, der im Jahre 2006 gegründet wurde und sage und schreibe während dieser Zeit mehr als 50% der gesamten Verurteilungen ausschliesslich gegen Israel aussprach!!! Nie auch nur ein Wort zu dieser politisch institutionalisierten Heuchelei, insbesondere wenn man schaut, wer in diesem Gremium hockt!
    Und da kommt die Theologenzunft und will uns Stammtischler den Begriff “Gerechtigkeit” näher bringen!!!

  • Karl Stadler says:

    Es gibt gewiss viele ehrliche Bemühungen in christlichen Kreisen, auch bei vielen Theologen, den christlich-jüdischen Dialog voranzubringen. Ein wahrlich schwieriges Unterfangen angesichts des herrschenden Umfeldes, nicht nur des säkularen, vielmehr teilweise gerade auch des kirchlichen.
    Derzeit tourt eine “Nakba”-Schau durch Deutschland. Die Schau wird getragen von der katholischen Organisation “pax christi”, zu der mehrere Unterstützer der israelfeindlichen BDS-Bewegung als Referenten eingeladen wurden. Dazu der zuständige Antisemitismusbeauftragte für Baden-Würtemberg, Michael Blume: ” Heizt es den Konflikt nicht eher an, wenn wir uns nur mit einer Seite identifizieren und die andere völlig ausblenden? Von Deutschland aus lässt sich der Nahostkonflikt nicht lösen, und wir sind als Oberlehrer nicht gefragt.”
    Die Deutsch-Israelische Gesellschaft hat ebenfalls Protest eingelegt. Die Austellung habe nichts mit Aufklärung zu tun. “Die Vorstellung, die Juden seien ins Land der Palästinenser eingedrungen, hätten sie vertrieben und ihnen ihre Heimat geraubt, sei leider weit verbreitet. Weitgehend unberührt von historischen Kenntnissen werde diese palästinensische Erzählung nur allzu bereitwillig geglaubt.”
    Und genau so tönt es in einem Elaborat , welches letztes Jahr unter dem Titel “Religionen für Gerechtigkeit in Palästina-Israel” erschienen ist und für welches Ihr zitierter Professor Ulrich Duchrow, zusammen mit Hans G.Ulrich, als Herausgeber zeichnen. Duchrow gibt an einer Stelle sinngemäss zum Besten, dass “der Staat Israel ein weiteres Extrembeispiel der westlichen, kolonialistischen,…rassistischen, gewalttätigen Eroberungskultur der letzten 500 Jahre sei .”
    Genau in diesem Sinne äussert sich jeweils der ehemalige Präsident Irans, Mahmud Ahmadineschad, wenn er sich ganz im Sinne des offiziellen Ziels von Iran lauthals dahingehend auslässt, dass der Staat Israel von der Landkarte ausradiert werden müsse.
    Und genauso habe ich diese Leier schon anfangs der siebziger Jahre anlässlich von Studentendiskussionen seitens gewisser “Vordenker” zu hören bekommen, die glaubten, den einfachen Leuten in dogmatischer und unfehlbarer Weise die Welt erklären zu müssen. Dennoch bekundeten manche von ihnen gleichzeitig absolut keine Probleme damit, bei Demos Konterfeis von Mao, Stalin oder weiteren Schlächtern mitzutragen. Erlaubte man sich einen Einwand, wurde man kurz und bündig als “bourgeoiser Reaktionär” verbal in die Ecke gestellt.
    Und solche Antisemitismen erstaunen einen kaum mehr, wird Israel anderorts implizit teilweise gar den Nazis gleichgestellt.
    Dass ausgerechnet christliche Theologen, dem gewiss auch mit vielen Ungerechtigkeiten behafteten jüdischen Staat Israel, oder dessen Armee, Vorträge betreffend Gerechtigkeit , Gewalttätigkeiten etc. halten wollen, ist schlicht nicht nachvollziehbar. Und was die Frage des “verheissenen Landes” betrifft, so hätte sich auch Ratzinger, wenn er sich schon über die Frage des Verhältnisses zwischen Christentum und Judentum auslässt, in seiner Schrift “Gnade und Berufung ohne Reue” theologisch ein wenig differenzierter ausdrücken, zumindest diese Frage nicht lediglich durch die christologische Brille lesen dürfen.

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Walter Ludin

Walter Ludin, Kapuziner in Luzern. Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite und des franziskanischen Jahrbuchs „Franziskuskalender“. Freier Journalist. Kirchenblogger seit 2005. Themen: Kommentare und Glossen zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Predigtauszüge. Aphorismen. Buchbesprechungen.

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