Der Ort der Katastrophe
Der Ort der Katastrophe

Das heikle Thema

11.07.2018 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Schrieb ich hier nicht soeben, dass die NZZ ein medienmässig weit aus dem Durchschnitt herausragendes Qualitätsprodukt (zumal in Bund 1 und 4) sei? Begab ich mich dabei vielleicht auf ein etwas heikles Terrain, wenn ich meine eigene einstmals mittellinke Vergangenheit (die aber längst abgearbeitet ist, denn wer fünfzig ist und noch links, der hat kein …) bedenke? Nein, ganz sicher nicht, das bestätigt mir jede Ausgabe aufs Neue!

Sprechen wir deshalb über diejenige vom letzten Samstag (7.Juli) mit speziellem Blick auf die Titelseite des Feuilletons. Hier schreibt nun der Provinzial der Schweizer Jesuiten, der auf das Thema Judentum spezialisierte Kollege Christian Rutishauser, unter dem Titel «An Christus führt kein Weg vorbei» über einen Artikel des emeritierten Papstes Benedikt XIV. mit dem Titel «Gnade und Berufung sind ohne Reue», erschienen in der von ihm einst mitbegründeten Zeitschrift «Communio», und dies geschehen unter sanftem Einfluss von Kurienkardinal Kurt Koch, verantwortlich für die religiösen Beziehungen zum Judentum.

Wenn das keine Ansammlung von Prominenz darstellt, denkt sich die NZZ zu Recht. Es handelt sich um nichts Grosses, bloss um einen etwa knapp zwanzigseitigen Aufsatz eines mehr als 90 Jahre alten grossen Theologen. Doch das Thema verfolgt uns – und mit «uns» meine ich nun sämtliche christliche Kirchen und Theologien seit Jahrhunderten – für immer, denn das Judentum ist im Verhältnis zum Christentum keine reine «Konkurrenzreligion», sondern vielmehr unsere «Mutterreligion», mit der uns fast 3/4 der heiligen Schriften verbindet, ja es ist die Religion unseres Religionsgründers (immer wieder ist diese Aussage in ihrer Brisanz zu wiederholen).

Ich habe an diesem Orte vor einiger Zeit – mit den zwei Beiträgen «Gerechtigkeit, auch für kleine» und «Nochmals, aber kurz» – schon Stellung und Partei zur Fragestellung um das Existenzrecht des Staates Israel und seines heiligen Bodens (eretz Israel) bezogen. Was Benedikt XVI. über die Katastrophe der Zerstörung des zweiten Tempels und der ihm folgenden Diaspora (Zerstreuung) schreibt, wie er dies sorgfältig abwägt (und in Relation zu so schwierigen Begriffen wie dem des Gottesgerichts stellt), warum Kurt Koch diesen seiner Meinung nach das Konzilsdekret «Nostra aetate» fortführenden Artikel wichtig findet, und wie Christian Rutishauser in vorsichtiger Distanz zu begründen sucht, dass der christlich-jüdische Dialog inzwischen weiter fortgeschritten sei (etwa mit dem Terminus des «nie gekündigten Bundes»), zeigt mir die weiterbestehende Brisanz des Themas auf.

Ich folgere (nächste Woche mehr Theologisches von mir selbst) zunächst zwei Dinge:
a) Benedikt XVI. mag körperlich gebrechlich sein, aber geistig ist er es in keiner Art und Weise.
b) Sowohl der grosse Aufwand wie die besondere Mühe, die die Schreibenden hier bei Wortwahl und Argumentation verwenden, zeigt auf, wie heikel es auch heute ist, im Christentum – das zwar nicht mit-schuldig, aber mit-verantwortlich ist für die Katastrophe der Schoah – korrekt und verantwortungsbewusst über das Verhältnis zur Mutter zu schreiben.

Kommentare

  • Karl Stadler says:

    Ich habe mich ungenau, also falsch ausgedrückt: Meines Wissens hat die Kirche nie einen rassenbiologisch begründeten Antisemitismus mitgetragen. Wie weit sie rassenbiologische Theorien ablehnte, ist mir nicht bekannt. Es beinhalteten ja auch nicht alle rassenbiogischen Theorien per se einen Antisemitismus. Man kann andersetis “Antisemit” sein, ohne Anhänger einer rassenbiologischen Theorie zu sein. Wenn ich richtig orientiert bin, wurden die gängigen Rassentheorien von der Wissenschaft (Molekularbiologie) erst vor Jahrzehnten wissenschaftlich in Frage gestellt und als streng wissenschaftlich nicht vertretbar gekennzeichnet.

  • Karl Stadler says:

    Zur Einleitung Ihres heutigen Beitrages: “Wer über fünfzig und noch links ist, hat kein Verstand”. Handelt es sich da nicht um eine weit verbreitete, leider auch heute noch teilweise bemühte Klischee-Vorstellung, genauso wie “Wer jung und rechts ist, hat kein Herz”?
    Und seit einigen Jahren ist eine weitere, cliché-beladene, oftmals jedoch simplifizerende Argumentationsstrategie zu beobachten, nicht zuletzt auch von Publizisten mit einigem Gewicht, die versuchen, Haltungen, die sich kritisch und zum Teil auch ein wenig ablehnend gegenüber manchen internationalen Entwicklungen äussern, mit allen Mitteln als durch einen “rückwärts gewandten Populismus kontaminiert” zu brandmarken, während sie natürlich über die durch objektive Wahrheit getragene Weitsicht verfügen.
    Die Krux liegt immer darin, – das war übrigens im 20. Jahrhundert bereits so, als Beispiele mögen Koryphäen als Vertreter der konservativen wie linken Denktraditionen in der Person von Martin Heidegger oder Jean Paul Sartre dienen – dass manchmal Leute mit brillantem Intellekt , denen grosse publizistische und intellektuelle Autroität zugestanden wird, versucht sind, daraus zwingend abzuleiten, dass sie auch über die objektive “Wahrheit” und Weitsicht verfügen. Die empirischen Daten, und es gäbe da viele andere Beispiele anzuführen, sprechen in der Folge nicht selten eine ganz andere Sprache. Es ist übrigens ein uraltes Problem, zurückreichend bis in die Antike. Denken wir nur an das Schaffen und Wirken von Platon.
    Sie nehmen eine interesssante Unterscheidung zwischen “mit-schuldig” und “mit-verantwortlich” vor. Terminologisch finde ich diese Unterscheidung recht schwierig. Gewiss: Es waren nicht “christliche” Verantwortungsträger, welche an der Konferenz von Wannsee teilnahmen. Die Kirche hat meines Wissens eine rassenbiologische Theorie nie mitgetragen. Auf der anderen Seite gilt der ausgeprägte Antisemitismus jedoch keineswegs als Resultat der biologischen Rassentheorien, die Ende des 17. Jahrhunderst aufkamen, in der Publizistik eines Arthur von Gobineau nachhaltigen Einfluss gewannen (vgl. Ernst Cassirer: “Der Mythos des Staates”) und im Nationalsozialismus ins geradezu ideologisch Wahnhafte gesteigert wurden. Aber die ideologische Aufbereitung des Bodens, über die “Wahrheit” zu verfügen, und diese in missionarischem Eifer und mit messsianischen Visionen zu verbreiten (verkünden?), geht in die Antike zurück und war dem Christentum nie fremd. Diese Haltung, u.a. auch gegenüber dem Judentum, war dem Christetum seit den Tagen von Kaiser Theodosius nicht fremd und haftete wie ein dorniger Stachel im Fleisch abendländischer Kultur über all die Jahrhunderte, bald mehr, bald weniger schmerzend.
    Wenn man sich einer andern Sprache als jener der Naturwissenschaften bedient, Denkwege beschreiten will, welche sich nicht lediglich an den Begriffen der Kausalität orientieren, dann scheint mir eine Zäsur zwischen “Mit-Schuld und Mit-Verantwortung, eine Unterbrechung dieser fliessenden Kontinuität, jetzt nicht nur bezogen auf die Katastrophe der Shoa, als sehr schwierig.

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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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