«Das Ende der Welt, die wir kennen»

04.07.2018 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Es gab wohl Zeiten, in denen die NZZ eine quasi klassenkämpferische Zeitung war, klassenkämpferisch einfach im umgekehrten Sinn verstanden: Ein Bollwerk und eine Agitationsplattform gegen alle linken Ideen. In der aktuellen Ausgabe der «Neuen Wege» wird etwa Leonhard Ragaz in dem Sinn wiedergegeben: Die Eisenbahnwagen seien (damals) gefüllt von NZZ-Lesern, die sich den Gedanken der Gerechtigkeit und des sozialen Ausgleichs a priori verschliessen (wollen).

Nun das sind nun wirklich tempi passati. Seit nun etwa drei Jahren verfüge ich – nach einigen Probeabos – über mein täglich eigenes Exemplar und wage, da medienmässig nicht ganz unerfahren, zu werten: Bund 1 (Ausland) und Bund 4 (Kultur/Sport) sind permanente Weltklasse, lassen alle möglichen Meinungen und Positionen zur Sprache kommen und erheben einen gediegen hohen Anspruch an das akademische Niveau und den Stil der Debatten. Quasi ein Kontrapunkt zu allem medial Miesen, das da kreucht und fleucht, von Twitter und Co bis hin zu den billig gemachten Regional-TV-Programmen. Bund 3 (Wirtschaft) setzt sich (neben den unnötig vielen Börsentabellen) durchaus kritisch mit dem ehemaligen NZZ-Lieblingskind auseinander. Was da etwa zur Causa Raiffeisen stand, war beachtlich. Nur im Lokalbund 2 dürfen sie noch wirken, die alten Kulturkämpfer/innen, und gegen die linke Stadtzürcher Regierung, gegen Genossenschaftsmodelle und für den Privatverkehr quer durch die City kämpfen. Irgendwann werden auch die Herren (Damen sind’s kaum) pensioniert.

Warum ich hier so argumentiere? Weil mir der Gastkommentar von Carlo Strenger, Professor für Psychologie und Philosophie in Tel Aviv, in der Ausgabe vom, 28.Juni (Seite 11) ins Auge gestochen ist (Titel s.oben), eine brillante und ernüchternde Analyse der momentanen globalen politischen Verschiebungen (Trump, Putin, Erdogan, europäische Populisten). Conclusio im Zitat:

«Am stärksten beunruhigt mich, dass der sogenannte Westen, die liberale, freie Welt heute weltpolitisch am Verschwinden ist und sich wie eine Herde von Hasen in alle Richtungen zerstreut. Der Traum der grossen liberalen Weltordnung scheint zu versinken, und die verbleibenden Liberalen haben keinen Plan B, um diese Vision noch zu realisieren.»

Heinz Angehrn
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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

Im Blog von Heinz Angehrn

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