© Daniel Kosch – Juli 2017
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Bibel für Manager/innen

12.08.2017 – ein Blogbeitrag von Daniel Kosch

Kürzlich stiess ich auf den Buchtitel «Konfuzius für Manager» und erinnerte mich, auch schon «Kant für Manager» und ähnliche Titel gelesen zu haben. Das brachte mich auf die Idee, über das Thema «Bibel für Manager/innen» nachzudenken. Denn Christen und Christinnen gilt die Bibel als «Buch des Lebens», eine neuere Übersetzung trägt den Titel «Hoffnung für alle». Trifft dies zu, müsste sie sich auch als Inspirationsquelle und kritischer Spiegel für Menschen mit Managementverantwortung bewähren – und zwar nicht nur für «Kirchenmanager/innen», sondern alle, die in Unternehmen und Organisationen jeder Art dafür zuständig sind, dass Ziele gesetzt, Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden.

Kluge Verwalter und gute Organisatoren in der Bibel

Dass die Bibel viele Weisungen, Weisheiten, Bilder und Lebenserfahrungen enthält, die für Manager/innen hilfreich sind, und dass es auch biblische Gestalten gibt, die ihre Managementaufgaben auf eindrückliche Art wahrnahmen, längst bevor es den Begriff des Managements gab, ist nicht schwer nachzuweisen. Der alttestamentliche Josef, der in Ägypten dafür sorgte, dass in den 7 fetten Jahren für die 7 mageren Jahre gespart wurde, war nicht nur ein Träumer und Traumdeuter, sondern ein kluger Verwalter. Und Paulus, der zusammen mit anderen innert weniger Jahre zahlreiche christliche Zellen im grossen Gebiet des römischen Reiches aufbaute und begleitete, war nicht nur Briefschreiber, sondern auch Organisator und Fundraiser für die arme Jerusalemer Urgemeinde.

Biblische Kernbotschaften = Anti-Management?

Wie aber steht es mit Texten, die zwar biblische Kernbotschaften enthalten, aber geradezu ein «Anti-Management» zu vertreten scheinen? Was ist zum Beispiel mit dem ersten Satz der Bergpredigt: «Selig ihr Armen, den euch gehört das Reich Gottes» (Lk 6,20 vgl. Mt 5,3)? Mit Management-Klischees wie Orientierung an messbaren Zielen oder Streben nach Erfolg und Gewinn ist dieser «Glückwunsch für Gescheiterte» unvereinbar. Und eine Lektüre, die dieses Jesuswort als Plädoyer für das Armbleiben der Armen läse, weil damit das Versprechen verbunden ist, das Reich Gottes zu besitzen, wäre zynisch.

Eine ethische Deutung, die aus der Seligpreisung der Armen eine Forderung nach Gerechtigkeit und Solidarität macht, könnte sich immerhin darauf berufen, dass die Praxis des Teilens und die Forderung nach Besitzverzicht ein biblisches und jesuanisches Grundanliegen ist. Aber so wichtig es ist, das Management an sozialethische Prinzipien zu erinnern, damit es sich nicht von der Gier nach Besitz und Macht leiten lässt – der Kern der Seligpreisung der Armen ist damit nicht getroffen. Denn beglückwünscht werden sie nicht im Hinblick darauf, dass sich ihre Situation in Zukunft verbessern wird – sondern im Hier und Jetzt.

Die Seligpreisung der Armen behauptet, dass die Gleichung «wer arm ist, ist arm dran» nicht stimmt. Und sie begründet ihren Glückwunsch an die Armen mit dem «Reich Gottes», also mit der Verheissung, dass sie Anteil haben an einem Leben, in dem zum Zug kommt, was Gott wichtig ist, einer Realität oder vielleicht besser einer Qualität, die das Plan- und Machbare übersteigt, die unverfügbar ist und niemals verdient werden kann, sondern immer unverdientes Geschenk ist.

Wer sich auf die Vorstellung Jesu einlässt, dass dort, wo arme Menschen sind, erfahrbar werden kann, was von Gott zu erwarten ist und worin des Menschen tiefste Sehnsucht besteht, kann kein Management gutheissen, das auf Kosten der Armen geht. Und wer das Paradox ernst nimmt, dass Jesus die Armen beglückwünscht, die Reichen aber vor den Gefahren ihres Besitzes warnt, wird Management-Modellen misstrauen, die Erfolg mit quantitativem Wachstum und höherem Gewinn gleichsetzen.

Eine grundsätzliche Verhältnisbestimmung zwischen Bibel und Management oder ein «biblisches Managementverständnis» halte ich nicht für denkbar – denn dazu ist die Bibel zu vielfältig und spannungsreich. Aber mein Experiment, einen einzelnen Text in der Management-Perspektive zu lesen, werde ich wiederholen, auch wenn es zu keinem abschliessenden Ergebnis führt. Ich glaube, das tut nicht nur dem Management-Verständnis gut, sondern auch dem Bibel-Verständnis, weil es dazu herausfordert, den Text mit Logiken und Denkmustern ins Gespräch zu bringen, die den Alltag prägen.

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Daniel Kosch

Daniel Kosch ist Theologe und Kirchenmanager. Seit 2001 ist er als Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) in Zürich tätig. In dieser Funktion befasst er sich mit Fragen der Organisation und Finanzierung des kirchlichen Lebens und mit den Beziehungen zwischen Staat, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften. Im Zentrum dieses Blogs steht folgende Frage: Was heisst es, inmitten einer schrecklich zerrissenen Welt und in einer unübersichtlichen Religionslandschaft glaubwürdig Christ/in zu sein und kirchliches Leben mitzugestalten?

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