Missbrauch in der Kirche | © pixabay CC0
Missbrauch in der Kirche | © pixabay CC0

Aufrichtige Tränen

05.09.2018 – ein Blogbeitrag von Jacqueline Straub

Seit Jahren überschatten die sexuellen Missbräuche an Kindern und jungen Erwachsenen durch Priester und Bischöfe, ja gar Kardinäle die katholische Weltkirche – seit kurzem stärker denn je. Papst Franziskus versprach zwar eine Null-Toleranz-Politik, dennoch werden auch unter seiner Leitung immer wieder hochrangige Kirchenmänner zur Rechenschaft vor staatlichen Gerichten gezogen. Der neuste Bericht aus Pennsylvania erschütterte die Kirchenwelt erneut: mehr als 300 Priester haben sich in den vergangenen 70 Jahren an mindestens 1000 Kindern vergangen. Der 884 Seiten starke Bericht ist erdrückend. Er zeigt deutlich: Es sind keine Einzeltäter oder Einzelfälle – wie so oft von der obersten Kirchenleitung behauptet wurde. Der Missbrauch an Kindern und deren Vertuschung haben strukturelle Gründe.

Kirchliche Missbrauchsfälle sind eine Schande, ein unverzeihliches Verbrechen. Denn sie wurden über Jahre hinweg von einer Institution verübt, die sich Nächstenliebe und Barmherzigkeit auf ihre Fahne geschrieben hat.

Mit Frauen weniger Probleme

Wenn Frauen zu allen geistlichen Ämtern zugelassen würden, also auch Priesterinnen werden könnten, dann wäre das Problem des Missbrauchs nicht so gravierend in unserer Kirche, sagte die Theologin und Seelsorgerin Monika Schmid im SRF «Club» zum Thema «Schweigen in der Soutane: Was tut die Kirche gegen Missbrauch?».

Die Kirche krankt nicht nur an vielen Einzeltätern in Collarhemden und mit Bischofsmitra. Die Kirche krankt auch an einem kranken System, das aus dem Gleichgewicht geraten ist und es ermöglicht, dass derart schlimme Taten verübt werden können. Mit Frauen in den kirchlichen Weihe- und Leitungsämtern würde sich die Lage nicht so rabenschwarz präsentieren. Frauen als Priesterinnen würden den Klerikalismus, den ja auch Papst Franziskus kritisiert, mit ihrer Dynamik durchbrechen, ist sich Schmid sicher.

Frauen sind keine Mit-Sünderinnen

In einem kürzlich erschienenen «Brief an das Volk Gottes» zum Thema sexueller Missbrauch schrieb Papst Franziskus, dass alle irgendwie involviert seien und Busse tun sollten. Monika Schmid wehrt sich als Frau dagegen – wie mir scheint – zu Recht. «Das ist mir dann zu viel ‹wir›. Wenn ich dann auch bei der Bischofswahl miteinbezogen werde, bin ich dafür, dass ich auch mitverantwortlich bin für alles.» Als Frau möchte sie aber nicht für die Verbrechen, die ausschliesslich von Männern verbracht wurden, zur Mit-Sünderin deklariert und zur Mit-Busse aufgefordert werden.

Aufhebung des Pflichtzölibats und Zulassung von Frauen

Die Forderung von Schmid, Frauen den Zutritt zu allen kirchlichen Ämtern zu ermöglichen, ist daher keine post-feministische Forderung, sondern die einzige Rettung in diesen furchtbaren und schrecklichen Zeiten, die über den Vatikan und die ganze Weltkirche hereingebrochen sind. Ich schliesse mich den Worten der Theologin Elke Kreiselmeyer an, die via Facebook verlauten liess: «Ich fordere umgehend ein Konzil, die sofortige Zulassung von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, die sofortige Aufhebung des Pflichtzölibats, Kommissionen, die mit weltlichen, externen und kirchlich unabhängigen Expertinnen und Experten zu besetzen sind.»

Ehrliche und heilende Tränen

Schmids Tränen zu Beginn des Talks «Club» waren kostbar und wohl der dichteste und aufrichtigste Moment der ganzen Sendung. In den Tränen der Seelsorgerin wurde die ganze Situation deutlich zum Ausdruck gebracht: Die Lage der Kirche und vor allem der betroffenen Menschen ist zum Heulen! Ich hatte das Gefühl, dass diese Tränen manche Wunden von missbrauchten oder auch nur enttäuschten Menschen zu heilen versucht haben. Sie waren aufrichtig und ehrlich. Dasselbe würde ich mir auch von allen männlichen Klerikern weltweit wünschen! Jetzt ist reuige Busse der Täter und allen, die diese Schandtaten gedeckt haben, aber auch entschlossenes Handeln angesagt.

Bildquellen

  • Missbrauch in der Kirche: pixabay CC0 Public Domain

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Jacqueline Straub

Jacqueline Straub ist römisch-katholische Theologin, Buchautorin und Referentin. Sie arbeitet als TV-Redaktorin beim «Fenster zum Sonntag», das samstags und sonntags im SRF zu sehen ist. Seit Jahren setzt sie sich für Frauen in kirchlichen Ämtern und Reformen in der katholischen Kirche ein.

Im Blog von Jacqueline Straub

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