Anhaltende subtile Diskriminierung

26.09.2018 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Es ist ja viel Positives geschehen in der gesellschaftlichen Sicht und Stellung von gleichgeschlechtlich fühlenden Personen und Paaren.  Ich will das nicht klein oder schlecht reden: Die Abstimmungen zur Gleichstellung (wenn auch nicht Gleichbenennung – aber da sage ich eben: Who cares?) in kulturell-historisch ganz unterschiedlichen demokratischen Gesellschaften wie etwa bei uns oder dann in Irland, die Selbstverständlichkeit, dass nun auch sich offen outende Männer und Frauen (Guido Westerwelle, Klaus Wowereit, Martin Klöti, Corinne Mauch oder eben Leo Varadkar) in politische Führungsämter gelangen können, die juristischen Fortschritte, dass weniger Unterschiede vorgenommen werden in der  Beurteilung von Diskriminierung wegen Religion, Geschlecht, Hautfarbe und eben sexueller Orientierung. Das alles lässt hoffen. Und wenn wirklich in Polen ein homosexueller Kandidat bei der nächsten Präsidentschaftswahl Chancen hat, dann ist selbst dieses Land nicht verloren…

Aber Sorgen und Bedenken müssen bestehen bleiben. Einmal im Blick auf viele radikal-fundamentalistische Formen der Religion (wie etwa im Islam und in den evangelikalen Freikirchen), wo gerade diese Fragestellung eine quasi moralische Kampfposition darstellt, mit der man sich bewusst abzugrenzen und zu profilieren sucht. Dann im Blick auf Russland, wo eine grosse aber äusserst machistisch geprägte Gesellschaft bis heute nicht imstande ist, anständig mit einer Minderheit umzugehen, die ihr doch so grosse Söhne wie Pjotr Iljitsch und Rudolf Chametowitsch geschenkt hat. Auch im Blick darauf, wie sich die Männer-Sportwelt auch nach dem Outing von Thomas Hitzlsperger anders als im Frauensport noch so unendlich schwer tut. Und es genügt ein Blick in die Leserbriefspalten um festzustellen, wie dieses Thema bei einer bestimmten Sorte Macho-Mann immer noch mottet,

Darum war und ist es nicht hilfreich, wenn bei der Aufarbeitung der düsteren Vergangenheit, wie in der katholischen Kirche Pädophilie und sexuelle Übergriffe von Amtsträgern gehandhabt wurden, immer wieder (bewusst oder unbewusst, ich will das gar nicht beurteilen) die Begrifflichkeiten und Zuordnungen vermischt werden. Gerade dies ist auch ein Anhaltspunkt, dass die Diskriminierung noch nicht beendet ist. Im Blick auf die Publikationen und Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit der letzten Jahrzehnte (etwa von Udo Rauchfleisch, Wunibald Müller und der Berliner Charité) fasse ich unwissenschaftlich schnell zusammen:

1. Der Anteil von Pädophilen ist im katholischen Klerus nicht relevant höher als in allen Berufsgruppen, bei denen die Arbeit mit Kindern einen hohen Anteil aus macht.
2. Die meisten pädophilen Übergriffe erfolgen durch heterosexuelle Familienväter.
3. Der Anteil von gleichgeschlechtlich fühlenden Menschen ist im katholischen Klerus deutlich höher als im gesellschaftlichen Durchschnitt.
4. Es besteht kein spezifischer Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie.
5. Aber einer zu Übergriffen auf Jugendliche nach der Pubertät als Folge einer unreif-emotionalen Fehlentwicklung im Leben des Pflichtzölibats.
6. Pädophile Veranlagung ist wissenschaftlich nicht «heilbar», mit ihr muss ein Betroffener ein Leben lang – therapeutisch begleitet – umgehen lernen.
7. Die emotionale Fehlentwicklung von homosexuellen Klerikern aber ist – so Wunibald Müller – leicht zu beheben. Sie müssen nur anerkennen, wer und was sie sind.
8. Das alles wissen die Kirchenverantwortlichen seit vielen Jahren.

 

Kommentare

  • Karl Stadler says:

    Wenn man Studien liest, und sich die riesige Zahl an Übergriffen auf Minderjährige vor Augen hält, z.B. in Deutschland – in der CH wird es ähnlich sein – die aufgrund von polizeilichen Kriminalstatistiken passieren, oder zumindest angezeigt werden – es handelt sich ja nicht um Gerichtsurteile – dann sprechen Ihre oben angeführten Punkte wahrscheinlich sehr stark für eine Beschreibung von Tatsachen. Ob die absoluten Zahlenverhältnisse wirklich genau so zutreffen – z.B. dass aufgrund der erhobenen statitischen Basisraten pädophile Übgriffe in absoluten Zahlen am meisten von Familienvätern vorgenommen werden, weiss ich nicht. Aber gewiss ist, dass der Anteil an derartigen Übergriffen innerhalb der Familie sehr hoch ist. Und meines Erachtens sind dies auch die weitaus schlimmsten Übergriffe. Dass sehr viele, oder die allermeisten Übergriffe, im nahen sozialen Umfeld sich ereignen, ist schon länger bekannt. Jedoch wenn ein Kind bezüglich seiner sexuellen Integrität im engsten Kreis der Kernfamilie sich nicht mehr sicher fühlen kann und vom Vater gefährdet wird, dann stellt das bezüglich Schwere alles weit in den Schatten. Das ist meine persönliche Überzeugung. Wo will es sich dann noch geborgen fühlen und Schutz suchen, wenn die Eltern, Vater oder Mutter, nicht in der Lage sind oder der Vater nicht willens ist, Schutz zu bieten?
    Und sicher haben Sie recht, dass Pädophilie mit Homosexualität nicht mehr zu tun hat als mit Heterosexualität. Das zeigen auch weitere Zahlen aus dem zivilen Bereich. Der Umstand, dass der Untersuchungsbericht der deutschen Bischofskonferenz zwei Drittel der Opfer, Irrtum vorbehalten, als männliche Jugendliche benennt, lässt nicht den Schluss zu, dass Homosexuelle eher zu Pädophilie neigen. Das Zahlenverhältnis der Opfer kann vielleicht auch strukturelle Gründe haben. Darum sollte Franziskus ein wenig aufpassen, und ein Auge darauf werfen, was ihm die Herren Prälaten von der Kongregation für den Klerus ein Dokument wie “Ratio Fundamenetalis Institutionis Sacerdotalis (Ziff. 199) unterjubeln, bevor er diesem die Approbation erteilt.
    Wenn Sie sagen, dass der Anteil an Personen mit homosexuellen Präferenzen im katholischen Klerus deutlich höher ausfällt als im gesellschaftlichen Durchschnitt, mag dies vielleicht schon zutreffen. Wenn ich es richtig im Kopf habe, wurden im besagten Untersuchungsbericht der deutschen Bischöfe ungefähr 38’000 Personaldossiers unter die Lupe genommen worden (1945 – 2015), und bei gut 1600 wurde man fündig, was einer Quote von gut 4% entspricht. Mitenthalten sind hier allerdings auch die heterosexuellen Übergriffe. Nichts deutet darauf hin, dass nicht auch bei den homosexuellen Priestern nur der kleinste Teil sich hat Fehlhandlungen zuschulden kommen lassen. Dieser Umstand könnte darauf hinweisen, dass der Anteil homosexuell empfindender Kleriker vielleicht tatsächlich grösser ist, gemessen an jenem im Durchschnitt der Bevölkerung.
    Im übrigen gibt es auch Berichte, die festhalten, dass zwischen dem Zölibat und den Übergriffen kein signifikanter Zusammenhang besteht. Wenn man sich die allgemeingesellschaftliche Befindlicheit in diesem Themenbereich vor Augen hält, sind diese Feststellungen vielleicht gar nicht unzutreffend.

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Heinz Angehrn
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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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