Gerechtigkeit, auch für Kleine

02.05.2018 – ein Blogbeitrag von Heinz Angehrn

Natürlich lese ich auch, was auf anderen Blogs läuft und diskutiert wird. Für mich ist es positiv zu werten (und auch im Sinne der kath.ch-Erfinder liegend), dass die verschiedenen Blogger und Bloggerinnen ganz eigene Wege beschreiten, sprich dass jede/r seine eigenen Themen und Präferenzen bearbeitet.

Nun gibt es aber ein ganz heisses Thema, zu dem sich fast jede/r christliche Theologe/in äussern kann, will und muss. Und jede Äusserung zu diesem Thema führt zu Reaktionen und zu Widerspruch. Dieser intellektuelle Konflikt ist etwa in der Redaktionskommission der SKZ zu greifen, oder eben hier in der Blogsphäre.

Der Schreibende hat im Rahmen seiner theologischen Ausbildung in alttestamentlicher Theologie abgeschlossen, hat Clemens Thoma und David Flusser hautnah erlebt, ist immer noch der Meinung, dass die Konversion des alten evangelischen Alttestamentlers Georg Fohrer zum  Judentum eine gewisse Logik hatte, und ist darum ein knallharter Sympathisant des Staates Israel (nicht der jüdischen Orthodoxie, man verwechsle das bitte nicht!).

Ich halte fest:

  • Seit dem Königtum Davids, also seit fast 3000 Jahren, ist dieser Boden zwischen Mittelmeerküste, Jordan, Karmel und Sinai «Eretz Israel», heiliges Land der ältesten der monotheistischen Religionen und des Volkes, das diese Religion lebt. Jerusalem ist seine Hauptstadt.
  • Nebukadnezar und das römische Imperium haben dieses Land schon verwüstet, ein kleines Volk unterdrückt und vertrieben und seinen Boden mit Blut getränkt. Die Hamas, die Hisbollah, der Iran und die Islamisten in Deutschland, sie alle sind Nachfahren dieser Usurpatoren.
  • Nach dem Holocaust, indirekter Schlusspunkt dieser grauenhaften Geschichte hatte das zivilisierteste aller nur mittelmässig zivilisierten Völker des Westens, das United Kingdom, die Einsicht und Gnade, endlich zurückzugeben, was zurückgegeben werden musste. (Allerdings verfuhr es dabei ähnlich unsensibel wie in anderen Regionen seines Imperiums.)
  • Die Fatah (von den oben erwähnten Terror-Organisationen erwarte ich weder Einsicht noch politischen Willen) möge darum mit Grossbritannien hadern und verhandeln. Jedoch:
  • Dieses Land gehörte und gehört Israel. Ich hoffe auf künftige israelische Regierungen, die im westlich-demokratischen Sinn Minderheiten und Minderheitenrechte respektieren. Solange aber Land und Volk so bedroht sind, verstehe ich, dass ihnen nicht danach der Sinn ist.
  • Schalom wird erst möglich, wenn der hinterste und letzte Staat der Erde, auch der Iran, Israel als Staat (und Jerusalem als seine Hauptstadt) anerkennt.

Man(n) betrachte dies auch als meinen Beitrag zur SKZ 09/2018.

Kommentare

  • ludin says:

    Lieber Heinz, ich bin höchst erstaunt, dass du im Zusammenhang mit dem Israel/Palästina-Konflikt auch meinen alten, leider zu früh verstorbenen Freund und Nachbarn Clemens Thoma erwähnst. Es war ihm ein Anliegen, gegen Antisemitismus/Judenfeindlichkeit (selbst des Evangelisten Johannes zu kämpfen. Aber ich habe ihn nie erlebt, dass er dabei den Staat Israel verteidigt hätte.
    Und hier nochmals: Wer zum Beispiel die Siedlungspolitik verteidigt, verteidigt damit indirekt auch den jüdischen Charakter Israels. Wenn es keinen Platz mehr gibt für einen palästinensischen Staat, gibts bald nur noch einen Stadt – mit sehr vielen, ja vielleicht sogar einer Mehrheit von Arabern. Wie lässt sich da der jüdische Charakter aufrecht erhalten, ohne noch mehr Apartheid-Staat zu werden?

  • Karl Stadler says:

    Dieses Land war vermutlich immer ein relativ stark umstrittenes Land. Indirekt zeigt sich das am Buch Jona, wo Ninive, das damalige Machtzentrum der Assyrer, in negativer Sichtweise dargestellt wird; an der Zerstörung des ersten Temples und der Verschleppung grosser Teile des Vokes Israel nach Babylon; an den nachbiblischen Berichten, die sich in den Büchern der Makkabäer finden; an den historischen Berichten des Josephus Flavius, als der zweite Tempel zerstört wurde und nach einem riesigen Massaker ein noch gösserer Teil der Juden in die Diaspora verdrängt wurde; in den muslismischen Eroberungen und den Kreuzzügen im Mittelalter, der osmanischen Reichseinverleibung, dem britischen Mandat nach dem ersten Weltkrieg und auch an der beständigen gewaltsamen Bedrängung des Staates Israel nach dessen Gründung.
    Die Alija gab es ja nicht erst nach dem Holocaust, sondern es gab immer wieder Phasen jüdischer Rückkehr, bereits im Mittelalter, aus verschiedenen Motiven, teils auch hervorgerufen durch die in stetiger Regelmässigkeit stattfindenden Pogrome im chistlichen Europa. Phasen der Rückehr gab es auch im 19. Jahrhundert und anfangs des 20. Jahrhunderts, verstärkt in den 30er Jahren, als die Verfolgung durch die Nazis immer unerträglicher wurde und schliesslich nach Kriegsende, nach dem Holocaust, und durch das im Jahre 1950 im neu gegründeten Staat Israel erlassene Einwanderungsgesetz.
    Die Vision des Ihud, welcher auch Martin Buber anhing, wäre gewiss eine erstrebenswertes, ja ein wundervolles Ziel, sofern denn von allen Seiten ehrlich dazu Hand geboten würde. Aber es gibt nicht bloss die National-Religiösen innerhalb von Israel, die dem Friedensprozess Steine in den Weg legen – das Hauptproblem diesbezüglich ist innerhalb Israels wahrscheinlich nicht einmal die Ultra-Orthodoxie – und die Religion und Nationalismus miteinander verbinden und teils von einem Gross-Israel träumen.
    Jedoch darf anderseits, wie das leider imer wieder geschieht, nicht ausgeblendet werden, dass auch auf palästinensischer Seite und in weiteren arabischen Kreisen längst nicht alle an einem Frieden interessiert sind. Ein Mahmud Abbas ist nach wie vor der Meinung, dass das Judentum mit Jerusalem nichts zu tun habe und der Staat Israel nur ein kolonialistisches Projekt sei. Alles Äusserungen, die in jüngerer Zeit erfolgten. Und neuerdings ist er gar der Meing, dass die Juden am Holocuast selber schuld seien. Die Hamas verfolgt das Ziel eines Palästina, das vom Meer bis zum Jordan reicht und auf dessen Boden es keinen Platz gibt für einen Staat Israel. Ali Chamenei prophezeite gerade jüngst wieder, dass es in 25 Jahren keinen Staat Israel mehr geben werde. Im Herbst 2016 hielt Hamas-Führer Maschaal vor einer nationalen Versammlung der türkischen AKP eine flammende Hetzrede gegen Israel und erntete eine standing ovation, wo im Chor “Tod für Israel” geschrieen wurde. Vom Hisbullah und den vielen jihadistischen Gruppierungen, die von der Zerstörung Israels träumen und diese als ihr Hauptlebenswerk betrachten, ganz zu schweigen.
    Mittlerweile scheint sich auch in Europa im Zuge der Immigration die althergebrachte Gemengelage von Antisemitismen um ein weiteres, stark aktives Element, einen Antisemitismus muslimischer Prägung, zu bereichern.
    Diese konfliktbeladene Situation, wie sie im Nahen Osten zwischen Juden und andern Ethnien herrscht, besteht keineswegs erst, seit es den Staat Israel gibt. Zu erinnern wäre da an die Umtriebe des Grossmufti al-Husseini in Jerusalem während der dreissiger Jahre und während des Weltkrieges. Oder an einen Karl Marx, alles andere als ein orthodoxer oder nationalistischer Jude, der 1854 in der New York Daily Tribune schrieb: “Nichts gleicht dem Elend und dem Leiden der Juden in Jerusaslem (…) die ständiger Unterdrückung und Intoleranz ausgestzt sind.” Und wenn Marx, angesichts der Zustände, die während der damaligen industriellen Revolution in Europa für weite Kreise herrschten, so etwas schreibt, so will dies etwas bedeuten.
    Es ist traurig, dass auch heute noch ausgerechnet Orte wie der Bezirk des Temperberges, die al-Aqsa-Moschee oder die Klagemauer, eigentlich allesamt Zentren von grosser religiöser Bedeutung, immer wieder Gegenstand von Feindseligkeiten, statt von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung werden können.
    Ja, Herr Angehrn, sie haben gewiss recht. Sicher sind die Israelis ihrerseits keine Engel, widerfährt vielen Palästinensern auch Unrecht. Aber gerade angesichts der heutigen Entwicklung, nicht nur im Nahen Osten, auch hier bei uns in Europa, scheint der Staat Israel als potentieller Zufluchtsort für Juden an Aktualität nichts eingebüsst zu haben. Und zum Glück weiss Israel einen mächtigen militärischen Freund an seiner Seite, die USA. Das abendländische Europa, welches in stetiger Regelmässigkeit über Jahrhunderte Pogrome veranstaltete und immer wieder eine explizite Judenfeindlichkeit pflegte, wäre militärisch zu einem solchen Schutz schlichtwegs nicht in der Lage.
    Vielleicht täte man besser daran, sich bewusst zu werden, was für ein grandioses Land, in kultureller, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht, die Menschen in Israel in diesen siebzig Jahren aus eigener Kraft geschaffen haben.

  • Karl israelische says:

    Die sehr ansprechende Vision des “Ihud” von Martin Buber besitzt nur eine Zukunft, wenn alle Seiten von einer solchen Sichtweise getragen werden. Dem Friedensprozess stehen weiss Gott nicht nur die jüdischen National-Religiösen – die Ultra-Orthodoxen sind ja nicht das eigentliche Problem – in Israel im Wege, die von einem Gross-Israel träumen. Auf palästinensischer Seite gibt es nicht weniger ebenso massive Kräfte, die nach wie vor das Ziel verfolgen, dass Palästina vom Meer bis zum Jordan reichen soll. Der Hisbullah und die Hamas verfolgen nach wie vor das Ziel, den Staat Israel auszulöschen. Ali Chamenei hat vor nicht allzu langer Zeit in die Welt hinausposaunt, in 25 Jahren werde es den Staat Israel nicht mehr geben. An einer Delegiertenversammlung der türkischen AKP im Herbst 2015 deckten die Delegierten den Hamas-Führer Maschaal mit einer standing ovation ein und schrieen “Tod für Israel”. Abbas behauptet, Jerusalem habe mit dem Judentum nichts zu tun und Israel sei lediglich ein kolonialistisches Projekt, ähnlich mancher Linken in den 70er Jahren, die Israel nur als Arm des Imperialismus sahen. Und wer sich kundig macht, wie palästinensiche, aber auch Lerhmittel anderer arabischer Länder zum Teil ausgestaltet werden, muss sich nicht wundern, dass zum althergebrachten europäischen Antisemitismus im Zuge der Immigration eine neue Dimension hinzukommt.
    Da sollte man an einem starken Israel, trotz aller seiner zum Teil sicher auch fehlerhaften Politik, als Zufluchtsort für vom Antisemitismus bedrängte Menschen nicht allzu grosse Zweifel anbringen.
    Und im Übrigen kann man nur den Hut ziehen, wenn man sich vor Augen hält, was die
    israelische Bevölkerung in diesen 70 Jahren aus diesem Land gemacht hat.

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Heinz Angehrn
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Heinz Angehrn

Heinz Angehrn ist Priester des Bistums St. Gallen und lebt nach 37 Jahren im aktiven kirchlichen Dienst nun als Teilpensionierter im Bleniotal. Seit 2018 ist er Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung, deren Neuauftritt er als St. Galler Vertreter in den letzten Jahren begleitet hat. Seine Hobbies sind Musik, Geschichte und Literatur. Er ist Mitglied der Grünliberalen.

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